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Die Sage von Oakwood #1

Der Dämon von Oakwood.


Es war einmal im Königreich des Oakwood.


Regiert von der Aristokratie eines ungleichen Pantheons, herrschte Friede in den idyllischen Landschaften des Oakwood. Das Leben war einfach und das Volk von simplem Gemüt. Jedem wurde eine Aufgabe zuteil und im Meer von Gesichtern trug jeder sein Kreuz ohne aus der Maskerade herauszustechen.


Doch mit der Zeit, welche sich hin und wieder als bester Freund, aber auch als schlimmster Feind äußerte, wandelte sich die friedliche Harmonie in kataklysmisches Chaos.


Ein Dämon bedrohte die Utopie des Oakwood. Imposant und bedrohlich in seiner Gestalt. Ein schier fürchterliches Antlitz, das die Herzen und Gesichter der Menschen mit Angst und Schrecken zu erfüllen vermochte.

Seine Klauen rafften das Volk unaufhörlich hin, bis die Bevölkerung, welche aus einst vielen bestand, nur noch eine Handvoll darstellten.


Es waren Zeiten wie diese, in denen der Aufschrei nach Hilfe eines Helden verlangte, der das Equilibrium zwischen Leben und Tod, Gut und Böse – Krieg und Frieden wiederherstellte.


Es unterstand der weisen Entscheidung des Pantheon, diese Lichtgestalt auszuwählen, um das Land von seinem Peiniger zu erlösen.


Ein Vertreter des Rates, welchen sie Jensen von Schönrogge nannten, trat hervor und rief seine Lordschaft Henriksen vor das Pantheon. Ein in die Jahre gekommener Mann, seines Zeichens ein gebildeter Zauberer. Er hatte die Welt bewandert und an Lebenserfahrung sei er reich beschenkt worden. Von Schönrogge war sich sicher, wenn man die Bestie bezwingen wollte, brauche man einen scharfen Verstand, Erfahrung und ein weises Gemüt. Dieses wisse er in seinem Champion vereint.


Nun trat ein weiterer Repräsentant des Rates hervor. Sie nannten ihn Mikael. Als er um das Wort bat, hüllten sich alle ehrfürchtig in Schweigen und lauschten seinem Plädoyer.


Sein Auserwählter war der junge Prinz des Königreiches, Jake. Ein talentierter junger Mann. Geübt im Umgang mit Waffen. Beliebt bei Wein, Weib und den Menschen, die ihn umgaben. Sein Ruf eilte ihm voraus und er genoss es, diesen auszuleben. Mikael war sich sicher, um die Monstrosität zu Fall zu bringen, bedarf es einer Kriegerelite von royalem Blut, gesegnet mit Talent und einer Reputation, die den Kriegsschrei der Bestie übertönen würde. Er wähnte sich sicher, seine Schützling würde dieser Aufgabe gerecht werden.


Der Rat entschied sich ferner dagegen, den Helden weitere Hilfe mit auf den Weg zu geben. Niedere Fußsoldaten entsprächen nicht dem Karat Held, der notwendig war, mit den Auserwählten mithalten zu können und würden diese nur aufhalten. Die beiden Helden sollten also auf sich gestellt sein. Ein Mann, so weise und erfahren wie Lord Henriksen oder so talentiert und geschickt wie Jake würde es nicht an Hilfe bedürfen.

Doch inmitten dieser hitzigen Debatte entschloss ich Rolantek, der weiseste unter ihnen, das Wort zu erheben.


Er wollte selbst eine Person in den Kampf schicken. Er prahlte nicht wie die anderen mit Tugenden oder stellte seinen Schützling als jemanden vor, dem sein Ruf vorauseile. Nein, er sagte, er würde einen jungen Mann namens Kai aussenden und hege keine Zweifel, dass dieser dem Schatten, der sich über das Land gesetzt habe, ein Ende bereiten würde.


Der junge Kai hatte wenig mit den strahlenden Helden gemein. Kein lebenserfahrener Mensch oder Magier, noch ein Nachfahre königlichen Blutes, aus dem der Stoff von Helden gemacht ist. Nein, Kai war ein unscheinbarer Junge. Unbemerkt und wortkarg zog er durch die Stadt, ohne lebhaften Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern zu pflegen. Auch der Angriff der Bestie hat daran wenig geändert. Kai selbst war also ebenso fragwürdig wie die Handlung Rolanteks, ihn in das Scharmützel zu senden.


Der Abschied der Helden war imposant. Lord Henriksen und Jake wurden theatralisch verabschiedet, wie Gladiatoren, die die Arena nach einem glorreichen Sieg verließen.

Den Damen des Hofes einen letzten Blick zuwerfend, ritt Jake auf seinem Ross in edler Rüstung und dem Schwert seiner Familie in den Sonnenuntergang. Ebenso tat es ihm Lord Henriksen gleich, mit seinem Stab und in Purpur gehüllt gehüllt, ritt er an der Seite von Jake aus.


Kai hatte die Absicht, das Burggelände unbemerkt zu verlassen. Pathetische Melodramatik lag ihm fern, also verließ er das Dorf wie ein einfacher Junge.


An der Pforte jedoch wartete bereits Isabelle. Ein Vagabundenfräulein, welches Kai schon oft im Dorf gesehen hat. Beide tauschten hin und wieder ein Lächeln sowie eine freundliche Begrüßung aus. Zum Abschied umarmten sich beide, denn sie wussten, es handelte sich hierbei um ein „Leb wohl“, denn Kai würde nach dem Tod des Schreckens weiterziehen und nicht wiederkehren.

Auch Rolantek wartete an der Pforte und verabschiedete seinen Schützling, wohl wissend, dass er die Beste niederringen, jedoch nicht zum Oakwood zurückkehren würde.


Also verließ Kai das Dorf in Richtung der voran gerittenen Helden, bewaffnet mit dem Schwert und Schild eines einfachen Soldaten sowie dem Mantel eines Wanderers.


Kai wusste genau, wo er das Monster finden würde. Er war kein Spuren- oder Fährtenleser, kein Jäger oder Waldläufer. Aber jeder Weg, den er nahm, schien ihn näher ans Ziel zu führen. Egal, welche Kreuzung, welche Abzweigung und welchen Schleichweg er nahm, er verirrte sich nie.


So kam es, dass er zur gleichen Zeit wie Lord Henriksen und Jake den Unterschlupf des Monsters erreichte, obgleich er nicht über ein Ross verfügte.


Die Bestie zeigte ihr Antlitz, als sich die Protagonisten dem Gefilde näherten.


Lord Henriksen und Jake zeigten sich sichtlich beeindruckt der Bestie gegenüber, welche sich bedrohlich vor ihnen aufbaute. Nun begannen beide, Pläne zu schaffen, wie sie das Ungetüm am Besten zu Fall bringen könnten. Dabei arbeitete jeder an seinem eigenen Plan, keiner der beiden zog es in Erwägung, auf die Hilfe und Teamarbeit des Anderen zu setzen.


Jakes Taktik war recht überschaubar. „Ein Soldat von seinem Format brauche weder Schlachtplan noch Hilfe. Mit seinem Talent und seinen Fähigkeiten werde er obsiegen und seinem Ruf gerecht werden“.


Lord Henriksen ging einem ganz anderen Paradigma nach. „Er kenne diese Arten von Belagerungen. Zunächst werde er warten, bis die Anderen das Monster geschwächt haben und dann aus sicherer Entfernung den Gnadenstoß durchführen“.


Während beide ihre zweifelhaften Agenda vorbereiteten, stürmte Kai unentwegt an ihnen vorbei und entschlossen auf die Monstrosität zu. Keine Planung, kein Einfalls- und Ideenreichtum. Mit seiner Kapuze ins Gesicht gezogen und ohne Kampfschrei sprintete er mit gezücktem Schwert und Holzschild auf seinen Feind hinzu. Sein ungestümer Angriff sollte ihm teuer zu stehen kommen, denn der Dämon holte mit seinen kraftvollen Klauen aus und warf Kai mit einer klaffenden Wunde zu Boden. Er blieb regungslos liegen, von Jake und Lord Henriksen mit Spott belächelt, für sein törichtes Vorangehen.


Jake stieg als nächstens in den Ring. Ihm sollte die Ehre zuteil werden, den Dämon zu Fall zu bringen und Ruhm und Ehre seinem Namen zu verschaffen. Er zog sein edles Schwert und sein prachtvolles Schild und näherte sich dem Feind.


Zwar konnte er er sich in einem Schlagabtausch hinter seinem Wappenschild in Sicherheit wähnen, jedoch warf das Monster ihn mit einem Feuerball zu Boden, als er mit seinem Schwert zum Schlag ansetzen wollte.


So fiel er besiegt und ohnmächtig in den Staub. Sein Talent und seine Reputation konnten der Macht des Monster nicht standhalten.


Lord Henriksen erkannte die Macht des Monsters und eine für ihn ausweglose Lage.

Noch nie habe er sich einer solchen Bestie stellen müssen.

 

Selbige nahm ihn ins Visier und stürmte mordlustig auf ihn zu. In seiner Panik wusste Henriksen sich nicht zu helfen. Da wurde der Angriff des Monsters durch einen Ansturm von Kai plötzlich beendet. Wieder aufgestanden rammte er die unachtsame Bestie zu Boden. Diese lies ihren Zorn jedoch nicht lange auf sich warten und spie einen Feuerball in Kais Richtung. Er vermochte diesen zwar mit seinem Schild abzuwehren, aber der darauffolgende Prankenhieb zerschlug das angesengte Schild und verletzte Kai erneut, sodass dieser wieder blutend zu Boden ging. Dabei wurde auch sein Mantel zerrissen und die Kapuze wich von seinem Kopf, sodass sein schmerzverzerrtes Gesicht erkenntlich wurde. Einmal mehr blieb er regungslos am Boden liegen.


Lord Henriksen war sich nun sicher, dass er der Einzige sei, der die Bestie besiegen könne. Er war jedoch kein Kämpfer und obwohl er der Bestie mit seiner Magie, Illusionen und Täuschungen zusetzen konnte, musste auch er sich den Flammen des Monsters ergeben. Und so fiel er zu Boden, seine Robe in Flammen und sein Stab zerborsten. Seine Lebenserfahrung und sein Intellekt konnten ihm im Kampf nicht die Oberhand sichern.


Alle Helden waren gefallen im Kampf gegen ein schier unbezwingbares Wesen.


Der junge Prinz lag am Boden, sich seiner Abstammung, seines Rufes und seines Talents zu sicher, konnte er nicht mit dem Monster mithalten.


Der erfahrene Magier war besiegt, hatte er sich doch zu sehr auf seine vermeintliche Bildung und seine Erfahrung verlassen, die sich im Kampf als bedeutungslos erwiesen.


Inmitten der unfreiwilligen Schlachtruhe entstieg Kai seiner Niederlage. Blutend, verbrannt aber dennoch nicht besiegt, wollte er die Bestie nicht siegen sehen. Zugleich hatte er aber auch nur sein Schwert übrig, war sein Schild doch vom Monster zerstört worden. Da ihm also keinerlei Verteidigung blieb, nahm er sich zusätzlich das Schwert von Jake und machte sich auf einen letzten Angriff gefasst.


Er war ruhig und reserviert, obwohl er seiner möglichen Niederlage und somit seinem Tod ins Auge sah. Aber er hat bei den anderen Helden vernommen, dass unnötige Emotionen im Auge des Sturms den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen können. Also blieb er entschlossen und behielt das Monster im Auge, den Frieden für sein Königreich vor sich sehend.


Beide starrten sich unentwegt an, denn keiner wollte den ersten Schritt machen und so sein Paradigma offenbaren.


Dennoch war es die Bestie, die auf Kai zustürmte, um mit ihren Klauen den letzten Helden zu Fall zu bringen. Aber auch davon lies Kai sich nicht aus seiner Trance bringen. Er warf dem Ungetüm Jakes Schwert entgegen und während dies der Klinge auswich, sprang er auf seinen Feind zu und rammte ihm sein Schwert ins Herz. Kein imposanter Kriegsschrei, keine unnötig aufgebauschte Taktik. Nein, ein simpler Stich ins Herz der Finsternis und eine Portion Mut. Mehr bedurfte es nicht, um sein Ziel zu erreichen.


Der Dämon ging besiegt zu Boden und hauchte seinen letzten Atem aus, während schwarzes Blut aus der klaffenden Wunde strömte. Kai schmiss dem sterbenden Dämon ein letztes Lächeln zu und begab sich zu seinen Gefährten. Er begann, die Wunden beider mit Kräutern und Verbänden zu behandeln. Dabei erklärte er sowohl Lord Henriksen als auch Jake, warum er obsiegte, wo sie scheiterten.


Lord Henriksen erklärte er, dass er sich zu sehr auf seine bisherigen Erfahrungen verlassen habe, obwohl er bisher noch nie einem Dämon wie diesem gegenüber stand. Er habe sein Wissen überschätzt und auch seine Idee, die anderen vorzuschicken und das Monster zu schwächen, anstatt Seite an Seite mit diesen zu kämpfen, hätte seine Niederlage besiegelt.


Lord Henriksen erkannte zwar die Wahrheit in Kais Worten, ließ sich jedoch von seinem Weg nicht abbringen und stellte sich über die Worte des Bauernjungen.


Auch Jake wollte er näherbringen, warum sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt war. Er erklärte ihm, dass Elemente wie Ruf, Prestige und Lobeshymnen ebenso redundant sind wie royale Abstammung, Ego und die Unart, alles alleine bewältigen zu wollen, sind tückische Verbündete.

Talent mag zwar ein der Weg zum Erfolg sein, jedoch müsse man diesen auch entlang gehen und nicht stehen bleiben.


Jake wandte sich ab. Die Worte nicht verstehend und als falsch abgetan, belächelte er die wirren Phrasen eines Bauernjungen, der ihn nicht wirklich zu kennen vermochte.


Kai machte des nichts aus. Ob seine Worte Gehör fanden oder wie Staub im Wind davonflogen, änderte nichts an ihrer Richtigkeit.


Henriksen und Jake schlugen vor, nach Oakwood zurückzukehren und sich gebührend für ihre Heldentat feiern zu lassen.


Kai jedoch verneinte seine Teilnahme. Er machte beiden den Vorschlag, sich für den Sieg entsprechend ihrer Vorstellung lobpreisen zu lassen, bat aber, seinen Namen aus den Erzählungen zu streichen. Sie sollten erzählen, dass er im Kampf gefallen sei. Kai selbst würde weiterziehen, entsprechend seiner Natur würde er neue Wege bestreiten und neue Herausforderungen als wandernder Bauernjunge finden.


Er nahm beide Schwerter an sich und machte sich auf den Weg. Die Frage von Henriksen und Jake, warum er ihnen den Triumph, die Belohnungen und den Sieg überließe, beantwortete er nicht.


Niemand musste seine Beweggründe erfahren. Er selbst musste sich am Ende des Tages im Spiegel ertragen und mit sich im Reinen sein können. „Sie würden ja doch nicht verstehen“, sein letzter Gedanke, mit dem er sie lächelnd ansah und von dannen zog.


...


Wie endet diese Fabel ? Ein Ende zu schreiben ist schwer. Jeder dressierte Affe kann einen Anfang schreiben. Ein bisschen „Es war einmal...“ und schön ist der Anfang fertig. Ein Ende hingegen muss alle Charaktere und Handlungen verknüpfen, damit am Ende ein Strang entsteht. Der Leser möchte am liebsten ein „Happy End“ haben, bei dem der Held das Mädchen bekommt, dem Monster den Kopf abschlägt und glücklich bis ans Ende seiner Tage lebt.

Ein gutes Ende zu schreiben ist also unmöglich, irgendjemandem wird es immer nicht gefallen.


...


Zurück im Oakwood wurden Henriksen und Jake wie Helden empfangen. Sie erzählten von einem heroischen Kampf, in dem sie das Monster mit ihrer Überlegenheit und ihren Kräften mühelos besiegten. Jake erzählte, er habe den Dämon mit seinem Schwert durch einen Stich ins Herz bezwungen und das die Klinge noch immer darin stecke, weshalb er dieses nicht bei sich trage. Sie berichteten auch vom im Kampf gefallen Bauernknaben. Keiner zweifelte an der Geschichte, könnte doch ein so schlichter Knabe keinen Kampf mit solch einem Monster überstehen, schon gar nicht eben dieses besiegen. Er musste dem Ungetüm also als letztes Opfer zu Teil geworden sein.


Inmitten dieser Erzählungen schauten Rolantek und Isabelle einander an und schmunzelten. Sie wussten genau, dass diese fabelhafte Geschichte nicht der Wahrheit entsprach und das Kai von Anfang an wusste, wie die Geschichte sich entfalten würde. Sie sahen es kommen, dass Kai nicht wiederkehren würde, also waren sie nicht traurig, auch wenn sie nicht wussten, warum er dies tat.

Beide schauten nachdenklich und verträumt zum Sternenhimmel hinauf.

„Was Kai wohl gerade macht ?“, fragten sie sich.


Kai wusste genau, wie sich alles nach dem Sieg über die Bestie abspielen würde.

Henriksen und Jake würden sich wie Helden zelebrieren lassen. Keiner würde daran zweifeln, dass er selbst im Kampf gefallen sei. Die Wahrheit musste niemand erfahren. Denn die Welt braucht Helden, die man feiern kann, die das klassische Bild des Helden in strahlender Rüstung und von königlichen Geblüt in sich vereinen. In solchen Sagen hat ein gewöhnlicher Bauernjunge keinen Platz.


Aber das störte Kai nicht. Während er durch die Abenddämmerung wanderte, wurde ihm mit einem Lächeln auf den Lippen klar, was er getan hatte. Was er erreicht hat. Er wusste, wie sich alles zugetragen hat und was er durch sein Opfer geschaffen hatte.


Und darauf kommt es doch an.


Oder nicht ?

20.7.16 15:21


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Die Sage von Oakwood #2

Grenzlande


Wieder eine rastlose Nacht. Erneut kein Ruhe, die er hätte im Schlaf finden können. Stattdessen wieder eine Nacht im Albtraumland verbringen.


Sie hatten ihn wieder eingeholt. Die Wächter der Zeit, Geißeln des Chronos. Die Dahaka.

Egal, wohin er lief, wo er sich versteckte oder wie gut er sich zu verschleiern vermochte. Die Zeit und ihre Protektoren würden sich nicht hinters Licht führen lassen.


So kam es, dass Kai einmal mehr den dunklen Schleier der Nacht ausnutzte, um dem Zahn der Zeit und seinen wild gewordenen Bestien zu entkommen.


Er durchwanderte seit Jahren die Grenzlande. Ein düsterer und trostloser Ort. Die Bewohner dieser desolaten Einöde waren nicht freiwillig hier. Trauer, Verzweiflung, Angst – alle dieses Dämonen haben sie in diesen Sektor getrieben.


Schwarzer Himmel, verpestete Luft, sterbende Flora und Fauna. Flüsse aus Blut und brache Klüfte, die sich wie Narben durch die Ländereien zogen. Wahrlich kein Ort, den sich irgendjemand freiwillig zum Leben auswählen würde.


Ein Ort, wie geschaffen für jemanden, der nicht auffallen und sich verstecken wolle. Für jemanden, der nur eine weiteres farbloses Gesicht in der Maskerade sein wollte.

Also wählte er vor Jahren freiwillig das Leben im Schatten der Gesellschaft, um sich vor den Dahaka, vor Chronos und auch vor der Zeit selbst zu verbergen.


Dafür musste er sich natürlich von allem trennen, was ihm bis dahin lieb und teuer geworden war. Freunde, Verwandte, niemand durfte von seiner Agenda erfahren. Zu viel Wissen darüber könnte den Zorn der Dahaka auf sich ziehen und dann wären alle Mühen, die Kai sich während seiner Flucht abverlangt hatte, umsonst gewesen. Also zog er verschleiert durch die Welt, mit der Hoffnung, nicht erkannt zu werden und in den Schatten der anderen unbemerkt umherzuwandern.

Denn selbst, wenn die Dahaka ihn finden sollten und die Zeit ihn einholen würde, so wäre es nur ein weiteres erloschenes Licht in einem Ozean aus Kerzen. Er wolle durch sein Handeln nicht dafür verantwortlich sein, mehr als nur seiner Kerze die Flamme zu rauben.


Also blieb er weiterhin auf der Flucht. Manchmal gelang ihm dies besser als andere Male. Nicht selten genug fand er sich in der Krypta seiner Gedanken wieder, in den Katakomben seines Verstandes, wo er der Vergangenheit frönte und seine Kraft schöpfte, aus jenem Zeitpunkt, der vor der Verfolgung durch die Zeit selbst war.


Blieb er zu lange an diesem magischen Ort, fanden ihn die Dahaka und griffen ihn an. Schattendämonen, mit glühend roten Augen, schwarzen Hörnern, die dem Zeichen der Unendlichkeit glichen und Schwertern aus stahlhartem Sand.


Im Laufe der Zeit konnte Kai viele Informationen über die Dahaka sammeln. Bisher wusste niemand von einer Person, die je ihrem zeitlosen Griff entkam. Die Dahaka waren so unendlich wie die Zeit selbst, eine Legion an Wächtern, die das Schicksal und ihre Bestimmung im Universum in ihren in Stein gemeißelten Bahnen hielten.


Wollten die Dahaka also ein Detail in ihrem Plan ändern, eine Ungereimtheit, einen Fehler – kurz, eine Anomalie beseitigen, sie würden diesem Ziel nachkommen und obsiegen.


Einen Dahaka besiegen...“, dachte sich Kai, „das werde ich nie schaffen..Und dann sind mir auch noch zwei davon auf den Versen und ich bin nur einer. Nein, lieber versuche ich mein Glück und tauche im Grenzland unter und verstecke mich. Vielleicht kann ich ihnen ja so entkommen.“


Mit solchen Gedanken versuchte er sich durch die Tage, Monate und Jahre zu retten, in denen er vor den Protektoren der Zeit geflohen war und auch weiterhin auf der Flucht sein werde. Denn sich den Dahaka zu stellen, sie wirklich besiegen zu wollen, schien ihm in seiner Lage völlig absurd.


So häuften sich die Tage und Nächte, in denen er ruhe- und rastlos auf der Flucht war. Manchmal fragte er sich, warum er eigentlich fliehe. Was würde passieren, wenn das Schicksal ihn einhole ? Er würde sterben, zweifellos. Aber was wäre die Alternative, ewig vor dem Unausweichlichen davonlaufen ? Ist das noch etwas, dass sich „Leben“ schimpfen dürfte ? Oft gab es also Zeiten, in denen er, vom Wahnsinn gepackt, einfach auf die die Schergen des Chronos warten und die Reise zu seiner terminalen Destination antreten wollte.


Aber dann holte ihn wieder sein nicht zu selten abwesender Menschenverstand ein, der es dem Gott der Zeit nicht so einfach machen wollte. Wenn er untergehen würde, dann doch bitte mit gezückter Klinge und einem Lächeln im Angesicht des Todes. Wohl wissend, dass der Kampf gegen die Zeit das unausweichliche Ableben mit sich ziehen würde.


Heute aber sei es eine Nacht, in der Kai zu ausgezehrt von den Strapazen seines Alltags war. Er wollte sich Schlaf gönnen, egal wie riskant ihm dies erschien oder ob er sich wieder im Nachtmahrland wiederfand.


Noch wusste er nicht, wie bitter er diese Entscheidung bereuen würde. Sein Schlaf war tief. So tief war sein Schlaf lange nicht mehr. Kein Albtraum, keine Vision, nur ein Mensch, der sich Ruhe und Frieden suchte.


Umso schreckhafter war sein plötzliches Erwachen. Er spürte sie, wie er sie schon oft zuvor wahrgenommen und ihnen nur knapp entkommen war. Doch dieses mal bestand keine Chance, davonzulaufen. Sie waren bereits zu nah, um den Weg der Flucht zu bestreiten. Zu nah, um ihnen zu entkommen.


Kai wusste, es würde auf eine Konfrontation hinauslaufen. Heute sei die Nacht, in der Schicksal auf freien Willen treffen würde.


Dies ist die Nacht, in der ich dem Schicksal in die Fresse lachen werden !“, sagte Kai mit verschlafener, grinsender Miene. Obgleich er versuchte, sich Mut einzureden, gesittet den Vasallen der Zeit entgegenzutreten und seine temporären Ketten endlich zu brechen, so war er sich dennoch sicher, dass er es sein werde, der am Ende fallen würde.


Aber lieber den Mut der Verzweiflung auf seiner Seite als weiterhin wie ein Feigling weglaufen.


Also zog er seine Dolche und machte sich bereit, seinen Verfolgern ins Antlitz zu schauen und sich diesen zu stellen. Er würde diesmal nicht fliehen, warum auch. Die Dahaka waren sowieso schon viel zu nah und exzellente Spurensucher und Jäger, allzu lange würde er sich ihrem Griff eh nicht mehr entziehen können.


Er merkte, wie sich Zeit und Raum in ihrer Präsenz zu biegen begonnen. Der Bode bebte, während sie näher kamen. Er befand sich in einer verlassenen Scheune. Als Unterschlupf und Rastplatz schien ihm diese als sicheres Versteck zu dienen. Nun aber würde zwei Vollstrecker des Chronos durch die verschlossenen Tore stürmen und ihm nach dem Leben trachten.


Naja“, dachte er er sich,“egal ob ich hier heute sterben oder lebe, ich werde auf jeden Fall meine Ruhe finden“, schloss er seinen letzten Gedanken ab, bevor die Dahaka durch das Tor stürmten.


Er machte sich sofort bereit zum Kampf und sah seinen Kontrahenten an, dass sie nicht lange damit warten würden, ihn anzugreifen.


Anstatt zu warten, lief er also auf einen von ihnen zu und rammte diesem beide Klingen in die Brust. Zugegeben, er hielt sich nicht zurück und aus den dadurch entstandenen klaffenden Wunden floss schwarzer Sand heraus, was er als „Blut der Zeit“ interpretierte, aber sein Gegner erschien davon wenig beeindruckt. Seine Antwort darauf war ein geballter Hieb, der Kai an die hölzerne Wand der Scheune schmetterte.


Nach kurzer Benommenheit versuchte er sich aufzuraffen, spuckte Blut und begann, laut zu lachen.


Ich dachte immer, Zeit würde alle Wunden heilen. Nicht, dass Zeit wie ein Mädchen zuschlagen würde!“

Trotz seiner ausweglosen Situation hatte er sich wenigstens seinen Humor beibehalten.


Den Dahaka schien dies nicht sonderlich zu interessieren. Er packte Kai mit seiner Hand an seinem Hals, drückte ihn gegen die Holzwand der Scheune und hob ihn empor.


Da war er also. Der Moment des Ablebens. Die Zeit selbst würde ihm den Garaus machen. „Nicht der schlechteste Tod, der mich ereilen könnte“, dachte sich Kai. Nur wenige Moment entfernt vom Ende, während der Dahaka zum finalen Schlag ausholen wollte.


Sein vermeintlich letzter Blick fing eine Gestalt, die die Scheune durch das Loch betrat, wo vorher das Tor stand. Er konnte die Person nicht erkennen, denn wegen seine Kopfwunde hatte er Blut im Auge und sah die Silhouette der Person sehr undeutlich.


War Chronos selber gekommen, um dem Spektakel beizuwohnen ? Die Trophäe zu ernten, die ihm so lange durch die Finger glitt ? Für einen Moment fühlte Kai sich fast geehrt, dass sich der Herr der Zeit selbst von seinem Thron hinabbegeben hatte und die Drecksarbeit nicht nur seinen Schergen überließ.


Egal, wer den Coup de grâce landen würde, es würde die selbe Münze bleiben, nur verschiedene Seiten darstellen. Es wäre vorbei, das ist der silberne Faden am Ende dieser Geschichte.


Er sah, wie der Schemen ein Messer zog, azur wie das Meer. Er richtete dies in Richtung der Dahaka und Kai.


"Ein Messer also. Damit willst du mich niederstrecken?", sagte Kai in dem Glauben, der finale Moment sei eingetreten. Er schloss die Augen, sein Schicksal akzeptierend.


Die Dahaka jedoch schienen unruhig zu werden. Sie drehten sich um und starrten die humanoide Gestalt an, schrien in einer Sprache, die für sterbliche nicht zu verstehn war und einer von ihnen machte sich bereit, diesen zu attackieren.


"Ich bin nicht hier, um dich niederzustrecken", sagte die Entität und warf das Messer mit präziser Genauigkeit zwischen die Augen des Dahaka, der Kai gegen die Wand presste. Durchbohrt durch den blauen Dolch lies der Dahaka von Kai ab und ging zu Boden. Er erstarrte und löste sich in den Sand der Zeit auf, aus dem er geboren war.


Kai war fassungslos. Noch immer benommen von dem Angriff des Dahaka, stellte er sich die Frage, welches Wesen einen Dahaka töten könne und welches Artefakt dafür von Nöten sei.


"Hör auf, zu schwächeln, Junge ! Nimm den Dolch und bring es zu Ende !" Schrie er Kai zu.

Kai dachte nicht lange nach, er müsse schnell handeln. Er nahm die blaue Klinge an sich und stellte sich dem Monster im Zweikampf.


Beflügelt von der Heldentat, dass jemand einen Dahaka töten konnte und somit ihre Sterblichkeit unter Beweis gestellt hat, stürmte Kai seinen Gegner an und enthauptete das schattenhafte Wesen mit dem Messer. Auch diesmal zerfiel der Dahaka zu Sand und war besiegt.


Er hatte seine Verfolger erledigt. Viele Jahre der Flucht endeten mit der Hilfe eines Fremden und einem simplen Messer. Ihm gefiel dieser Gedanke. Ein Dolch bezwingt die Schergen des Gottes der Zeit.


Als der Moment des Kampfes sich zur Ruhe legte und Kai einen Moment hatte, sich zu beruhigen, wollte er sich bei dem Fremden bedanken und ihm Fragen stellen. Fragen, die sein Leben verändern sollten.


Als Kai also auf den Mann zuging und mit ihm sprechen wollte, sagte er Kai, dass der Kampf erst begonnen habe, denn die Dahaka würden erneut die Fährte nach Kai und nun auch nach ihm aufnehmen. Kai solle also den Dolch an sich nehmen und machen, was der Fremde für Kai tat. Die Dahaka zur Strecke bringen, anderen Menschen helfen – Die Hand des Schicksals forcieren.


"Du kannst natürlich weiterhin weglaufen, dich verstecken und am Ende wie ein Feigling sterben, so wie es heute fast geschehen wäre. Oder du nimmst dieses Messer, findest diese Bestien und schaltest sie zuerst aus. Möglicherweise rettest du damit auch noch nen paar arme Seelen, die wie du ihr Ende hätten finden sollen."


Kai erkannte die Wahrheit in den Worten seines neugewonnenen Verbündeten und Freundes. Kämpfen oder fliehen. Andere Optionen gab es nicht.


Während der Fremde Kai noch wesentliche Sachen zu den Dahaka und Chronos näherbrachte, wurde Kai bewusst, dass er zwar noch immer Angst vor diesen hatte, er nun aber eine Möglichkeit zur Hand hatte, sich zu wehren. Er würde nicht mehr wegrennen. Nun sei seine Zeit gekommen, anderen zu helfen, sich zu verteidigen und ihnen die Augen zu öffnen.


Der Fremde hatte Kai alles erzählt, was er wissen wollte und hatte die Absicht, sich wieder auf seine rastlose Reise zu begeben.


"Wie ist dein Name, Fremder ?", rief Kai ihm hinterher.


"Mein Name ist Legion, denn wir sind viele", sprach der Fremde mit einem Lächeln.


"Aber du darfst mich ruhig Shudu nennen."


Mit diesen Worten verschwand der nun nicht mehr Fremde in die Nacht. Auch Kai lächelte; hatte er einen mächtigen Verbündeten gefunden und war nun nicht mehr allein.


So verschwand auch Kai in der Nacht. Diesmal aber nicht, um den Dahaka zu entfliehen.


Nein. Diesmal würde er sie finden, bevor sie ihn finden würden.

20.7.16 15:25


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