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Die Sage von Oakwood #3

Gott aus einer Theatermaschine


"Vielen Dank, werter Herr. Habt einen schönen Tag."


Mit diesen Worten verabschiedete sie sich vom Markthändler. Sie hatte all ihre Einkäufe erledigt und schlenderte gedankenlos über den Markt.


Den Liedern der Barden lauschend und auf ihrem Heimweg summend, schaute sie in die Ferne ihres Heimatdorfes. Oakwood war seit jeher ihre Zuflucht. Egal, welche Reise sie unternahm oder welche Ortschaft sie besuchte, Oakwood würde immer ihr Hafen bleiben.


Sie verließ den Markt und schlug den Weg über die Felder in Richtung ihres Hauses ein. Orientierungslos blickte sie weiter gen Himmel und gab sich ihren Gedanken und Tagträumen hin.


Ihre Träume und Visionen führten sie zurück in ihre Vergangenheit. Ein Ort, den sie innerhalb der Festung ihrer Gedankenwelt oft aufsuchte. Zwar erhoffte sie sich, in ihrem Inneren das Königreich der Herzen zu finden, jedoch fand sie sich zumeist nur in der Dystopie ihres Geistes wieder.


Wenn sie diesen kargen Ort betrat, fand sie sich meist in ihrer Kindheit wieder. Ein Heim, aber kein Zuhause. Eine Behausung, aber kein Refugium. Viele starrende Gesichter, aber kaum eine helfende Hand.


Ein trauriger Blick entstellte das verträumte Antlitz. Zugleich begann es, zu regnen. Sie bemerkte nicht, dass sich ihr ein Mann näherte. Beide passten nicht auf und liefen ineinander. Dabei fiel sie zu Boden und wachte aus ihrer traumhaften Hibernation auf.


"Verzeih, mein Kind. Ich war mit den Gedanken woanders", sprach eine sanfte, in die Jahre gekommene Stimme.

"Komm, ich helfe dir auf", sagte er und reichte ihr die Hand. Sie zögerte zunächst, war ihr Vertrauen anderen Menschen gegenüber vergleichbar mit einem dünnen Faden, der jederzeit reißen konnte.


Zögerlich nahm sie seine Hand und stand auf. Sie musterte ihn und sah einen älteren Herren mit einem gutmütigen Gesichtsausdruck und einem weisen Blick.


„Geht es dir gut, Mädchen?“, fragte er mit Freundlichkeit in seiner Stimme. Sie aber erwiderte nichts auf seine Frage. Er bemerkte gleich, dass etwas nicht stimmte, sie sich abweisend und zurückhaltend zeigte. Er lächelte, entschuldigte sich abermals und wollte wieder seines Weges gehen.


Er blieb noch einen kurzen Moment und versicherte ihr, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, der Regen würde bald vorüberziehen und der rechte Weg zu dem Ort, den sie so frenetisch suchte, würde sich offenbaren. Dabei deutete er auf ihren Kopf und auf ihr Herz und lächelte ihr zu. Als er ging, fragte das Mädchen, wie er heiße. Er drehte sich um und sagte ihr, dass man ihn in Oakwood als Rolantek kenne. Dann verschwand er in Richtung des Dorfes.


Diese Begegnung würde noch viele Stunden in den Hallen ihres Verstandes nachklingen. Welche Bedeutung mögen seine Worten wohl haben und woher wisse er von dem Ansturm auf die Bastion ihres inneren Zirkels ?


Diese Fragen beschäftigten sie eine geraume Zeitspanne lang. Lange genug, damit sie unbemerkt vom Weg abkommen und sich im dunklen Wald verirren konnte.

Ein schauriger Ort. Die Bäume so dicht, dass kein Sonnenlicht durch die Kronen hindurch scheinen konnte. Selbst die sanften Tiere des Waldes scheuten diesen Ort, wohl wissend, dass hier nur der Tod durch die natürliche Hierarchie des Lebens, gefressen oder gefressen werden, auf sie warten würde. Ein Ort, an dem Träume stürben und Hoffnungen scheitern.


Aus ihrer Traumwelt erweckt durch eine die Dunkelheit durchdringendes Heulen, sah sie sich um und bemerkte, dass sie sich im Aokigahara-Wald befand.


Ihr Kopf begann zu schmerzen, ihr Magen schien sich förmlich zu drehen. Die Angst brach auf sie herein. Der Damm, der diese Panik wie eine Flut jahrelang zurückhielt, zerbarst unter dem Druck der Furcht.


Das alles penetrierende Heulen wurde immer lauter. In der Ferne des Waldes konnte sie ein Rudel schwarzer Hunde erkennen, welche die Zähne fletschten und ihre Fährte aufnahmen.


Auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein klarer Ausdruck ab. Ein blasser Schimmer, der Moment, wenn die Hoffnung auf Überleben der Realität des imminenten Ablebens weicht.


Für einen Moment war sie sich nicht sicher. Sollte sie überhaupt weglaufen ? Ein gewöhnlicher Mensch könnte den reißerischen Klauen des schwarzen Hundes nie entkommen, warum also den Versuch wagen ? Zunächst blieb sie also stehen und wollte ihrem terminalen Schicksal in die verzerrte Fratze starren.


Jedoch wandelte sich die apathische Hinnahme ihres Todes in den Mut der Verzweiflung, als sie begann, vor den schwarzen Hunden zu fliehen. Warum wusste sie nicht. Sie hatte die Hoffnung schon begraben, den Morgen zu erleben, einen weiteren Tag vergönnt zu bekommen. Was sollte sie noch aus dieser misslichen Lage retten können ?


Eine Verfolgungsjagd durch den Wald begann. Woher sie die Kräfte nahm, um sich durch einen trostlosen, desolaten und vor Tod triefenden Schandfleck wie diesen zu treiben, konnte sie sich nicht erklären. Irgendwie schien sie selbst in dieser aussichtslosen Lage am Leben festzuhalten.


Nach einer kurzen, jedoch rasanten Verfolgungsjagd trieben die Hunde sie in die Enge. Eine hohe Felsmauer, kein Ausweg und keine Möglichkeit zu entkommen. Vor ihr lag nur das nun unvermeidliche Ende, die eisige Umarmung des Todes.


Während die schwarzen Hunde immer näher rückten, versickerte sogleich der letzte Rest Hoffnung, welchen sie sich während der Flucht zu bewahren versuchte, in Form von Tränen im fruchtlosen, brachen Erdboden des Waldes.


Just in dem Moment, als einer der schwarzen Hunde zum Sprung ansetzte, sprang ein junger Mann aus dem Dickicht des Waldes und warf sich schützend vor das weinende Mädchen. Er wehrte den Hund mit seinem Holzschild ab und schreckte das Rudel mit einer hell leuchtenden Fackel zurück. Er gab ihr die Fackel und sagte ihr, dass sie sich entweder verteidige oder beide hier und jetzt ihren letzten Atem aushauchen würden.


Natürlich konnten sie die schwarzen Hunde nicht töten, aber es gelang ihnen, diese in die Flucht zu schlagen. Nach dem Kampf nahmen sich beide Zeit, sich zu justieren. Sie bedankte sich bei ihm dafür, ihr aus ihrer misslichen Lage geholfen zu haben. Er nahm dies schweigend hin.


Er begleitete sie durch den Wald, ein Gang, welcher mit Fackel und Gesellschaft nicht mehr gänzlich unerträglich war. Während sie den Wald Richtung Ausgang durchschritten, erlag sie ihrer Neugier und fragte, woher er wusste, dass sie im Aokigahara-Wald umherwanderte und er gerade im richtigen Moment erschien, um ihr zu helfen.


Während er allzeit die Umgebung im Auge behielt, für den Fall, dass weitere Gefahren im Unterholz lauerten, antwortete er, dass es üblich sei, dass der Wald der Hoffnungslosigkeit die Hoffnungslosen anziehe, wie das Licht die Motten. Und wenn er schätzen müsste, sei es in ihrem Fall nicht anders als bei den vielen verloren Seelen zuvor, welche sich im Wald wiederfanden, nur um diesen nicht mehr verlassen zu dürfen.


Ein trauriger Blick drängte sich ihrem Gesicht auf, hatten seine Worte wie ein Pfeil mitten ins Schwarze getroffen. Er drehte sich zu ihr um, zog die Kapuze zurück und sagte lächelnd, dass er sich aber auch irren könne. Er kannte sie ja nicht und vielleicht sei seine These nur das wirre Geschwätz eines Bauernjungen, der zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort erschien, frei von Absicht oder Schicksal. Deus ex machina, wie er es nannte.


Seine Antworten verschafften ihr keine Klarheit. Sie wollte sich wieder in ihren Gedanken vergraben, um nach Antworten zu suchen, warum sie in diesem verdammten Wald landete und warum er zufällig erschien, um ihr zu helfen.


„Nein, versuch es erst gar nicht“, sagte er, als würde er wissen, was in ihrem Kopf vorgehe. Das verwirrte sie nur noch mehr. Diese Irritation sah man ihr an, was ihn zum Schmunzeln brachte.


Als sie den Ausgang des Waldes erreichten, fragte er, ob sie es von hier an alleine schaffe. Sie erwiderte, dass es wohl gehen müsse und machte sich auf den Weg in Richtung ihrer Behausung.


Während sie von dannen schritt, bat er sie, stehen zu bleiben und ihm zuzuhören.


Sie drehte sich um und fragte, was denn sei. Er schaute ihr in die Augen und sagte mit beruhigender Stimme, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, denn der Regen würde schon bald vorbeigezogen sein und der richtige Weg zu dem Ort, den sie so fieberhaft suche, würde sich alsbald vor ihr entfalten. Sie erinnerte sich an diese Worte und sah den selben Ausdruck in seinem Gesicht wie sie ihn zuvor schon gesehen hat.


Zuletzt fragte er sie nach ihrem Namen, den sie ihm bisher nicht genannt hatte.


„Ich heiße Isabelle“, sagte sie mit ausgeglichener Stimme.

„Und du ? Wie darf ich dich nennen ?“, fragte sie, wenn auch nur zögerlich.


„Kai. Sie nennen mich Kai.“, antwortete er, während er sich auf seinen Weg zurück in den Wald machte.


20.7.16 15:33


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Die Sage von Oakwood #4

Flammenmeer


Feuer schenkt uns Wärme. Die Flamme schenkt uns Leben und Geborgenheit. Wir haben gelernt, ihren Hunger im Zaum zu halten, damit das Leben nicht dem Tod weichen muss.


Manchmal aber rammt das Feuer ihre gierigen Klauen in unser Fleisch und hinterlässt dabei Narben, die weder Zeit noch Nadel und Faden heilen können.


Der Herbst war über die Länder von Oakwood hereingebrochen. Eine welke Witterung zog durch die Lande. Bäume tauschten ihr grünes Blätterkleid gegen einen Mantel aus gelb-braunen Phyllomen. Die Tage wurde kälter und ungemütlicher, geprägt von Stürmen, Gewittern und Regenschauern. Eine Zeit, in denen man eher am warmen Feuer Zuflucht suchte, in Gesellschaft von Freunden und der Familie.


Der junge Isaac war ein Junker am Hofe des Königs. Ein Knabe an der Schwelle zum Erwachsenen. Geprägt von Lebensfreude, Kameradschaft, ein Lächeln, welches so unbeschwert und einfach war wie eine Feder im Wind.


Jeder mochte ihn und seine gedankenlose, fast schon naive Art. Für seine Freunde war er wie ein Bruder. In seiner Familie war er der jüngste in einer Kette voller Talente und Hoffnungsträger.

Am Hofe des Königs war er ein geschickter Stalljunge, kümmerte sich gewissenhaft um die Pferde und war selbst ein durchaus gewandter Reiter.


Würde man ihn mit einem Terminus beschreiben wollen, wäre „Kind von Fröhlichkeit“ eine passende Definition seiner Entität.


So sah man ihn häufig mit seinen Freunden durch die Dörfer des Oakwoods ziehen. Ob zu Pferd oder mit seinen bloßen Füßen, die Wege, Pfade und Ländereien waren sein Zuhause. Und seine Familie sowie seine Freunde, obgleich sich beides so manches mal zu vermischen vermochte, war der Wind in seinen Segeln. Perfektioniert wurde dieses Märchen nur durch seine Gemahlin. Das Mädchen, welches für immer an seiner Seite sein soll.


Eine perfekte Symphonie der Ausgeglichenheit, die in sich absolut und vollends an dieser Stelle bereits ihr glückliches Ende finden könnte.


Es ereignete sich an einem nebeligen Herbsttag. Isaac verpflegte die Pferde des königlichen Stalles. Heute war er alleine dafür zuständig und er nahm sich die Zeit, die er brauchte. Aufgrund einer langsam kurierenden Erkrankung nahm er sich die Freiheit, die nächsten Tage die Ställe zu meiden und sein Zuhause zu hüten, bis er wieder bei Kräften war.


Diese Entscheidung sah er mit verschiedenen Augen, denn obgleich er sich somit von seinen Aufgaben für einen Moment entbinden konnte, mochte er die Arbeit am royalen Stall und sah es als Ärgernis, dass nun jemand anderes seinen Verpflichtungen nachkommen müsse. Aber sei es nun drum, das Schicksal spielte ihm diese Karten zu und er müsse aus dem Blatt, welches dieses ihm offerierte, das Bestmögliche herausholen.


Am Morgen besagten Tages jedoch sollte sich alles ändern. Kein Meer aus Flammen, keine brennenden Pfeile, nein. Eine simple Fackel entzündete den Reitstall, der direkt an die Gemächer der Bediensteten angrenzte, in denen Isaac ruhte. Leider bemerkte er das Feuer zunächst nicht. Er sah seine Verdammnis nicht kommen. Die Pferde konnten sich von selbst retten, sahen sie die brennende Qual auf sie zukommen. Isaac jedoch erwachte aus seinem Schlaf und sah sich in einem verrauchten Raum wieder, umarmt von hungernden Flammen, welche ihn nicht entkommen lassen würden.


So würde seine Geschichte enden ? Eine Fackel, die sein „zweites“ Zuhause in Brand stecken und ihn letztendlich verschlingen würde ? Die Angst vor dem Ableben durchzog jede Faser seines Körpers. Er wusste keinen Ausweg, denn die Flammen hatten ihn eingekesselt und aus dem Burgfenster zu springen würde auch in seinem Tod enden.


Allerdings hielt Fortuna ihre glückbringende Hand über Isaac, denn ein Bediensteter des königlichen Hofes sah die Flammen aus dem Quartier der Hofessdiener heraus preschen, vom Winde angespornt. Von der Gegenwart seines Geistes getrieben, machte er sich geschwind auf die Suche nach einer Leiter, mit der er Isaac retten würde.


Während Isaac sich an den letzten Halm der Hoffnung klammerte, sah er in den desaströsen Flammen die Gestalt von Atropos, einer der Botinnen des Schicksals, bekannt dafür, den Tod zu bringen.


Eine Frau in weißem Gewand durchschritt die lodernden Feuerwände als wären sie nicht existent und ging unaufhörlich auf Isaac zu.


Für einen Moment erfüllte ihn die Furcht, sie würde sein Licht des Lebens auslöschen. Allerdings schien diese Todesangst in ihrer Präsenz zunächst zu verfliegen, denn ob sie ihm den Hauch des Lebens entreißen oder die sengenden Flammen sein Schicksal besiegeln würden, sein Leben würde ein Ende finden.


Atropos allerdings, wandelte auf ihn zu und ergriff sein Handgelenk. Er spürte einen schneidenden Schmerz durch sein linkes Handgelenk schnellen, entsprechend dem eines Schwertes, welches durch das Fleisch seines Körpers schnitt.


Sie ließ seinen Arm wieder los und er sah die klaffende Narbe an seinem Arm, blutend und vor Schmerz brennend.


„Noch weben und messen meine Schwestern deinen Faden. Gib Acht darauf, nicht heute, aber bald werde ich diesen für immer zerschneiden und dein Schicksal besiegeln“, sagte Atropos, gleich einer Warnung, obgleich ihre Aufgabe eher der Exekutorin als der Beraterin zuteil wurde.


Während er sich noch vor Schmerz wand, verschwand Atropos in den immer näher kommenden Flammen.


Isaac hatte keine Zeit mehr, über dieses Erlebnis, welches sich bald als Epiphanie zu verstehen geben würde, nachzudenken. Denn er hörte die Rufe des Bediensteten, der zurückkam und eine Leiter zur Rettung ans Fenster gestellt hatte.


Isaac nutzte die Gunst der Stunde und floh diese hinab und wurde sofort von Soldaten empfangen, die ihn in Sicherheit geleiten würden. Der Stall würde bis auf die Mauern niederbrennen, sodass am Ende nur Asche bliebe.


Seine Eltern und Geschwister eilten kurz darauf zu ihm. Zwar bestürzt von der Zerstörung ihrer Unterkunft, waren sie über alle Maßen glücklich, ihren Sohn und Bruder in ihre Arme schließen zu können. Scheinbar unversehrt, mit dem Schock seines beinahe eingetretenen Ablebens hatte er es geschafft, sich des Todes alles verzehrende Flammen zu entziehen.


„Gott sei Dank, dir geht es gut und du bist unbeschadet aus diesem Alptraum entkommen“, sprachen sowohl Familie und mittlerweile eingetroffene Freunde, die von diesem Desaster gehört hatten.


Auf die Frage, die er im Unisono von allen hörte, ob es ihm gut gehe und er mit dem Schicksalsschlag umgehen könne, antwortete er „dass es ihm gut gehe und man sich keine Sorgen um ihn machen solle“.


Er sprach diese Worte mit einer Leichtigkeit aus, als würde er sich selber diese Lüge glauben. Während er diese Phrasen der Unwahrheit aussprach, spürte er sengende Schmerzen in seinem Handgelenk und sah, wie die Wunden und Narben, die Atropos hinterließ, pulsierten und bluteten.

Er konnte seine ihm von Atropos auferlegte Bürde noch nicht erahnen, aber er spürte, der Nachtmahr hatte gerade erst begonnen.


Die Tage nach dem Zwischenfall verliefen sehr träge. Isaac suchte bei Freunden eine Möglichkeit der Unterkunft. Bei diesen hatte er eine Behausung gefunden, ein Dach über dem Kopf und natürlich Nahrung. Ihm war also, trotz aller Wirren der vergangenen Tage, die Möglichkeit gegeben, sein Leben so zu verbringen, wie es vor dem Brand der Fall war.


Dennoch konnte Isaac nicht an sein früheres Leben anknüpfen.


Des Nachts würden ihn die Flammen des Schicksals in seine Träume verfolgen, die Szenarien des Feuers würden sich, wie Geschichte selbst, immer und immer wiederholen. Ein Teufelskreis, denn er würde jedes mal, gebadet in Schweiß und Blut, aus seinen Träumen gerissen werden. Und jedes mal würde er sich seines linken Handgelenks zuwenden, die Narben, die Atropos ihm zugefügt hatte, würden seine Aufmerksamkeit erregen.


Die Tage verbrachte Isaac mit ambivalentem Alleinsein. Dadurch, dass ihm gestattet wurde, dem königlichen Stall in nächster Zeit fernbleiben zu dürfen, war es ihm möglich, seine Zeit mit Ruhe und frei von Pflichten zu verprassen.


Dadurch standen ihm seine Tage vakant zum freien Gebrauch. Entspannen, Zeit mit seinen Kameraden und Liebsten verbringen oder einfach nur frei von allem den Wind in seinem Gesicht spüren. Das wäre das „in Optima forma“ für ihn gewesen, eine Möglichkeit, die sengenden Ketten Atropos, die ihn noch immer umschlungen, zu brechen.

Leider erschien es, als stände Isaac an einer vernebelten Kreuzung. Der richtige Weg, verschleiert durch Panik, Zweifel und Stagnation, schien für ihn so fern zu sein wie die Sterne am Nachthimmel.


Die Tage vergingen, fern von seinen Freunden. Unverstanden von seiner Familie. Er wurde sich selbst überdrüssig, wollte sein altes Leben zurück, bevor die Flammen dieses zu Asche reduzierten.


„Ich will doch nur mein altes Leben wiederhaben, ist das so viel verlangt ?“ fragte er sich oft, mit niedergeschlagener Mimik und Gestik, denn die Verzweiflung war ihm ins Gesicht geschrieben.


Auch die Bewohner von Oakwood bemerkten Isaacs Wandel seines Herzens.


Isabelle, das Vagabundenfräulein, bemerkte, dass Isaacs Lachen verschwand. Ein Lächeln, welches selbst die dunkelste Nacht zum Leuchten brachte und ein gefrorenes Herz erwärmen konnte. Diese radiierende Reagenz der Aufrichtigkeit war nunmehr der Mimik der Melancholie gewichen.

Rolantek der Weise nahm Isaacs Enthumanisierung ebenfalls wahr. Seine fortifizierenden Flügel der Fröhlichkeit waren gebrochen und würden ihn nicht mehr tragen können.


Natürlich bemerkten auch seine Nächsten seinen Verfall. Die immerzu klaffende Wunde an seinem Handgelenk, die schwermütige Präsenz, die er ausstrahlte und der Verlust seines Lachens würde nicht unbemerkt an ihnen vorbeiziehen.

Sie waren sein Leben lang an seiner Seite, kannten ihn, seitdem er ein kleiner Lausbub in der Wiege war, wie sollten sie ihn also ansehen und nicht erkennen, wie er sich von ihnen abwandte ?


Zweifellos gingen sie an seiner Seite entlang, während er seinem Leidensweg folgte. Seine stummen Schreie nach Hilfe konnten sie jedoch nicht wahrnehmen, sprachen sie leider nicht seine Sprache.


Welche Zukunft steht jemandem wie Isaac bevor, der im Zwielicht wandelt ? Mit seinen Problemen auf sich gestellt, von niemandem verstanden und vom Schicksal gebrandmarkt ?


...


Eines Abends ging Isaac durch die Ländereien des Oakwood spazieren.

„Den Kopf frei machen“, redete er sich ein.

Tatsächlich würde er wieder ziellos durch die Landschaft wandern, in Trübsal versinken und die Wunden, die Atropos ihm zugefügt hat, anstarren.


Im Laufe der vergangenen Wochen war ihm aufgefallen, dass die Verletzung unaufhörlich blutete. Egal ob Tag oder Nacht, im Schlaf oder auch wach, aus der Wunde würde nie endend Blut fließen und sich nicht verschließen. Unabhängig davon, wie gut man diese verband und behandelte, die Bandagen würden die Blutung nicht stillen.


Manchmal trieb ihn dieses Dilemma dazu, sich zu malträtieren.

„Feuer mit Feuer bekämpfen“ nannte er diese Tortur an sich selbst. Die Narben durch andere Narben ersetzen. Die Brandmarkung, die Atropos ihm zufügte, die Bande, die sie geschaffen hatte, einfach zerschneiden.

In dieser Nacht dachte er wieder darüber nach. Er wanderte durch die Nacht. Eine ruhige Nacht, weder Wind noch Regen entweihten die Stille der Dunkelheit.


An einer Brücke machte er halt. Das Antlitz Lunas reflektierte im entspannten Spiegel des Sees.

Ein beruhigender Moment. Dennoch waren seine Gedanken erneut bei seiner Klinge und den Narben, die sein Handgelenk zierten. Das Versprechen Atropos, ihn zu holen.


Erneut erhob er die Klinge, mit der Absicht, ihr Versprechen einlösen zu wollen.


Das Messer würde seinen Weg finden, den Tribut einfordern. Nur noch einen kurzen Moment. Atropos hätte gewonnen, sein Schicksal wäre besiegelt und der Kreislauf wäre beend-


„Du weißt, dass das genau das ist, was sie will, oder ?“, hörte er plötzlich vom anderen Ende der Brücke.

Isaac sah sich panisch um und sah eine Gestalt in der Ferne stehen. Sie sah aus wie ein junger Mann, kaum älter als er. Gekleidet wie ein Wanderer, mit Kutte, Kapuze und Schwert.


„Wenn du diesen Weg entlang schreitest, wird sie gewinnen und du alles verlieren“, sagte der Fremde.

„Soll sie doch gewinnen. Dann ist das alles wenigstens vorbei. Ich wollte doch nur mein altes Leben zurück. Es hört ja doch nicht auf zu bluten. Am Ende werde ich sowieso ausbluten“, lamentierte Isaac.


Der Fremde kam auf Isaac mit entschlossenen Schritten zu. Er streckte seine linke Hand aus und ergriff Isaacs Handgelenk, direkt die Stelle mit der blutend pulsierenden Wunde. Während seine Hand sein Handgelenk ergriff, sah Isaac die Wunden auf dem Handgelenk des Fremden.


Als die Hand des Fremden sein Handgelenk umklammerte, spürte er einen gleißenden Schmerz , der durch selbiges schoss. Der Schmerz ähnelte dem, den Atropos ihm zufügte, als sie die Wunden und Narben in seinen Körper schlug.


Als der Fremde sein Handgelenk mit einem Lächeln losließ, war Isaac verwirrt. Dann jedoch schaute er auf die Wunde und stellte fest, dass sie aufgehört hat, zu bluten. Der Schmerz und die Narben waren noch da, aber die Blutung war gestillt.


Völlig entsetzt sah Isaac den Fremden an.


„So sei es. Jetzt wirst du vorerst nicht mehr verbluten. Setz dich bitte, ich erzähle dir eine Geschichte“, erklärte ihm der Fremde.


Er erzählte ihm eine Geschichte von den Wirren der Zeit und des Schicksals. Von Dämonen, Dahakas, vom Sand der Zeit, dem Pendel des Schicksals, aber vor allem davon, niemals aufzugeben oder sich der Verdammnis hinzugeben.

Viele Worte regneten auf die Ohren Isaacs hernieder, denn der Fremde wollte ihm klar machen, dass ,wenn alles gesagt und getan wurde, er es wäre, der die Hand des Schicksals führen, seinen Pfad wählen und diesen entlang gehen würde. Er und nur er bestimme sein Schicksal.

Kein Göttin, keine höhere Macht. Isaac schenkte den Worten des Fremden glauben. Vielleicht weil er daran glauben wollte und weniger, weil er überzeugt war.


Der Fremde erklärte ihm, er solle einen Mann namens Rolantek aufsuchen. Er würde ihm helfen können und warte bereits auf ihn. Er würde ihm zeigen, wie die Wunden sich heilen, nicht nur verschließen lassen würden.


Isaac zweifelte noch daran, dass dies möglich war. Diese Fragwürdigkeit entging dem Wanderer nicht und er begann zu lächeln.


„Warum zweifelst du, Isaac ? Hast du Angst davor, dass dir tatsächlich geholfen werden könnte ?“


Isaac war verwirrt.


„Wer bist du und woher kennst du meinen Namen ?“, fragte Isaac.


„Ich bin nur ein Wanderer. Mehr nicht. Aber du kannst mich Kai nennen“.


Mit diesen Worten verschwand Kai in den Schatten der Nacht.


Isaac fühlte sich besser. Die Wunde klaffte und pulsierte nicht mehr. Die Worte von Kai gaben ihm Hoffnung, schienen ihn wachgerüttelt zu haben. Er würde seinem Rat folgen und am Morgen Rolantek aufsuchen. Am nächsten Morgen wollte er diesen aufsuchen. Er war sich nicht sicher, wer er sei und wie er ihm helfen könne. Aber wenn auch nur etwas Wahrheit in Kais Worten stecke, gab es immerhin Hoffnung.Und diese stürbe bekanntlich zuletzt.


Er durchwanderte das Schloss und suchte die Gemächer von Rolantek. Als er sie betrat, sah er ihn bereits, an einem Fenster und daraus schauend stehen.


„Ich habe dich bereits erwartet, Isaac. Tritt bitte ein. Er hat mir bereits gesagt, dass du kommen würdest“, sprach Rolantek.


Isaac fragte sich kurz, wen er meine, doch dann trat Kai bereits hinter ihm durch die Tür.

Dieser jedoch schwieg und lies Isaac seine Geschichte erzählen, sodass beide, Rolantek und Kai, im Bilde waren.


Also erzählte Isaac vom Feuer. Der Flamme des Schicksals, die ihn peinige und brandmarkte. Von Atropos Fluch, welchen sie ihm auferlegt hatte.


Rolantek lauschte der Geschichte. Als royaler Berater und Mitglied des Ältestenrates kannte er die Sagen und Mythen, die sich um das Mal der Atropos rankten. Er hatte keine Heilung für Isaac, konnte zwar die Wunden behandeln, aber die Narben würden nicht verschwinden.


„Du wirst dich ihr stellen müssen. Früher oder später, aber Atropos wird dich finden. Und dann wirst du bereit sein, Isaac. Denn du wirst dich ihr nicht alleine stellen müssen.“, sprach Rolantek aufmunternd und die Hoffnung auf Leben schürend.

Nach der Audienz verabschiedete Rolantek Isaac und sprach ihm Mut zu. Er müsse sich seiner Angst stellen, mit sich und seiner Umgebung ins Reine kommen. Aber nicht davonlaufen.


Mit diesen Worten ging Isaac zurück in das Dorf, in dem er momentan mit seiner Familie lebte.


Viele Gedanken schossen wie Blitze durch seinen Kopf.


Würden seine Freunde und seine Familie ihn verstehen ? Was ist mit seiner Gemahlin ?

Könnten sie ihm helfen, Atropos gegenüberzustehen, wenn diese seinen Faden zertrennen wollen würde ? Wären Rolantek und Kai da, wenn es die Zeit erfordern würde ?


Viele Fragen, die er sich stellte. Die Antworten darauf wusste er nicht. Er wünschte sich, alle mit einem selbstsicheren Ja beantworten zu können, aber die Gewissheit zeigte sich ihm nicht.


Er setzte sich erneut an den See, an dem er die Nacht zuvor verbrachte. Er suchte Ruhe, wollte seinen Verstand beruhigen. Zu viele Gedanken, Fragen und Sorgen würden seinen Geist korrumpieren und das würde ihm keinerlei Antworten offerieren.


„Deine Zeit ist abgelaufen, ich fordere meinen Tribut ein“, sprach eine unwirklich klingende Stimme.


Isaac erstarrte sofort. Er nahm ihre Präsenz wahr. Die Aura eines Wesens, welches er damals spürte. Er drehte sich um und sah Atropos vor sich. Wieder in der Gestalt einer jungen Frau mit weißem Kleid, bewaffnet mit einem Dolch.


Da war sie also, die Konfrontation mit der Scharfrichterin des Schicksals. Kein Exekutionsaufschub mehr, kein Weglaufen mehr. Die Zeit war gekommen, sich für einen Weg zu entscheiden. Sich dem Schicksal ergeben oder selbiges in die Hand nehmen.

Sie ging unaufhörlich auf ihn zu, entschlossen, zu säen, was sie geerntet hatte.


Er schaute sich um, in der Hoffnung, er wäre nicht alleine und jemand würde ihm zur Hilfe eilen. Aber er stand alleine da, niemand war zu sehen.


Sie kam immer näher und er machte sich bereit, sich zu verteidigen. Blitzschnell holte sie zum Schlag mit dem Dolch aus.

Isaac war zu langsam und konnte diesen nicht vorausahnen, um ihn parieren zu können.


Aus dem Nichts schnelle eine Hand, ergriff Atropos Arm und stoppte ihren Angriff. Rolantek war ihm zur Hilfe erschienen.


„Dieses Mal nicht, Unabwendbare“, schrie Rolantek zornig in ihr Antlitz.


„Dieses Mal ist die Zeit auf unserer Seite“, äußerte Rolantek in einem entschlossenem Ton.


„Rolantek, immer noch der sinnlosen Agenda verschrieben, mich aufhalten zu wollen?“, fragte Atropos mit einem herablassenden Lächeln.

„Sinnlos mit Nichten, Scharfrichterin Deine Gier endet jetzt und hier. Du hast den Wind gesät. Nun wirst nun den Sturm ernten“, erwiderte Rolantek auf ihre arrogante Frage.


„Du willst das Schicksal aufhalten, alter Narr ? Ich bin endlos und unsterblich wie die Zeit selbst. Du kannst mich nicht aufhal-“, schrie Atropos in einem Anflug an Hochmut, inmitten dessen sie jedoch unterbrochen wurde.


Ein azurblauer Dolch, in ihrem Blut getränkt ragte aus ihrer Brust heraus, durch den Rücken an der Stelle, wo ihr Herz liegen würde.


„Quid pro quo, Hure", hörte man eine Stimme hinter ihrem Rücken sagen.


Ihr Kleid verfärbte sich blutrot, der Dolch entglitt ihrer Hand und sie ging stumm zu Boden.


Man sah Kai hinter ihr stehen, mit einem Lächeln im Gesicht auf ihren leblosen Körper hinab sehend. Wenige Momente später zerfiel sie zu Sand, welcher im Wind von dannen wehte.


Roland und Kai gingen auf Isaac zu und halfen ihm auf, nachdem er infolge von Atropos Angriff zu Boden ging.


Isaac schaute die beiden mit Erleichterung an. Das Lächeln, welches vor lange ausstarb, florierte erneut in seiner vollen Pracht, als er auf sein Handgelenk sah und bemerkte, wie die Narben begannen, zurückzugehen.


„Sie werden nicht gänzlich verschwinden, denn du solltest nicht vergessen, was passiert ist. Wie du dich der Maitresse des Todes gestellt hast.", sprach Rolantek mit Weisheit in seinem Wort.


"Dein altes Leben kann dir niemand von uns wiedergeben. Aber vielleicht können die dir dabei helfen, ein neuer Isaac zu werden", sagte Kai und zeigte dabei in die Ferne, aus der man Isaacs Freunde und Familie herreiten sah. Er drehte sich voller Freude zu ihnen um, denn sie waren gekommen, um ihm beizustehen.


Er nahm seine Gemahlin in den Arm und bedankte sich bei allen, die gekommen waren. Nun verstand er, dass seine Zweifel völlig unbegründet waren, denn sie würden immer an seiner Seite und hinter ihm stehen.


Er wollte sich wieder Rolantek und Kai zuwenden, sich für ihre Hilfe bedanken. Doch sie waren bereits in die Ferne gewandert, da ihre Aufgabe erledigt war und Isaac nun die Unterstützung und Geborgenheit gefunden hat, die seine Flügel wieder heilen würden, sodass er selber Jagd auf die Schergen des Schicksals und der Zeit machen könne, würden diese je wieder auf die Welt der Sterblichen hinabsteigen und die Menschen mit Ketten aus Willkür und Gier zu knechten versuchen.


Er verstand diese Lektion, die beide ihm beibringen wollten und wusste, er würde sich dieser Aufgaben stellen, würde anderen zur Seite stehen in misslichen Lagen, ihnen durch Stationen der Stagnation helfen und wenn es die Situation erfordere auch die Diener des Zwielichts zu Fall bringen.


Während er über diesen Gedanken sinnierte, schaute er zu Boden und stellte fest, dass Kai seinen Dolch in den Boden gerammt hatte, mit einer Nachricht für Isaac.


"Das wirst du brauchen, um dich gegen die Dämonen zu wehren. Und wenn du gelernt hast, wie sich die Mechanismen ihre Magie entfallten, wirst du des Dolches übertrüssig. Dann gib ihn an die nächste Seele weiter, die eine Waffe braucht, um sich der Übermacht entgegenzustellen.


Wir sehen uns auf dem Schlachtfeld wieder. Wage es dich nicht, im Kampf zu fallen oder aufzugeben"


Isaac las den Brief und sah lachend in den Himmel.


"Alles klar, Bruder. Ich habe verstanden."

20.7.16 15:48


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