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Die Sage von Oakwood #5

Epiphanie


"Lauft, ihr beiden. Er kommt näher !", schrie Rolantek den zurückgefallenen Isaac und Isabelle zu.


Sie rannten durch ein verlassenes Dorf, gejagt von einem sinistren Wesen. Rolantek half Isaac auf und zusammen mit Isabelle rannten sie weiter.


Alle drei konnten die Präsenz des schattenhaften Wesens wahrnehmen. Sie konnten "es" nicht lokalisieren, aber ihnen kam es so vor, als würde der Schemen von Baum zu Baum, von Krone zu Krone springen und nur darauf warten, zuzuschlagen.


Hastig eilten sie durch die Ruine eines einst schönen Dorfes, zerstört von dubiosen Kräften und bösartigen Mächten. Sie warfen keinen Blick zurück, wohl wissend, dass stehen bleiben, sich umsehen – kurz – stoppen, im Tode enden würde. Dabei achteten sie nicht darauf, in welche Richtung sie liefen. Ein hämisches Lachen schien aus jeder Richtung zu kommen, oben schien unten, links war rechts und umgekehrt. Fürs erste war ihr Überlebenswille die treibende Kraft, der ihnen gebart, einfach weiter ins vermeintliche "vorne" zu laufen.


Rolantek, Isabelle und Isaac warfen sich ermüdete Blicke zu. Eigentlich hatte keiner von ihnen mehr die Kraft, wegzulaufen. Sie flohen schon seit Stunden vor ihrem Verfolger. Eigentlich war es nur ein Nemesis, welcher sie verfolge. Man würde meinen, mit vereinter Kraft würden sie sich dem Monster stellen können.


Ihr Gegner jedoch war bekannt dafür, seine Beute zu finden und zur Strecke zu bringen. Egal, ob sein Ziel eine Person oder ein ganzes Dorf war, Blut würde fließen und letzte Atemzüge würden am Ende des Tages gemacht werden. Bisher hat ihm niemand Einhalt gebieten können. Er war wie ein Pfeil, der sein Ziel nicht verfehlen könne. Denn sie wurden nicht von einem Menschen verfolgt, sondern von einem alptraumartigen Geschöpf jenseits jeglicher Definition.


Plötzlich hörte man ein tiefes, diabolisches Spotten in Form eines dumpfen Lachens. Ein schemenhafter Jäger sprang aus dem Schutz der desolaten Behausungen hervor. Es bewegte sich viel zu schnell, um die Position zu bestimmen. Mit seinem Erscheinen brach die Dunkelheit über das Dorf herein und die drei Helden konnten sich kaum noch gegenseitig sehen.


Eine nebelartige Finsternis kreiste Isaac ein. Ein Schlaghagel prasste auf ihn hernieder und ein mächtiger Stoß warf ihn gegen eine bröckelige Mauer, durch die er hindurchflog. Seine alten Wunden und Narben, die Atropos ihm vor geraumer Zeit zugefügt hatte, begannen wieder zu brennen.


„Warum tust du das ?“, fragte Isaac mit schmerzverzerrter Stimme.


„Warum nicht ?“,antwortete eine herablassende Stimme, mit der Intention der Herabwürdigung im Klang.


Isaacs Kontrahent hatte keine Mühe, ihn im Kampf zu dominieren. Er ging auf ihn zu und legte seine linke Hand auf Isaacs Kopf.

Ein Brennen durchzog Isaacs Körper. Als würden Pech & Schwefel durch seine Adern fließen. Quälende Pein verzehrte seinen Körper, Schmerzen, die die Grenzen seines Verstandes durchbrachen und ihn im Wahnsinn ertränkten.


Rolantek sah seinen Kameraden am Boden und wollte ihm zur Hilfe eilen, jedoch kam er zu spät. Isaac ging in Flammen auf und zerfiel binnen Sekunden zu Asche.


Rolanteks Magie vermochte es, den Nebel schwinden zu lassen und in der Hitze des Gefechts konnten Isabelle und Rolantek ihren Feind nun sehen. Das Letzte, was sie von Isaac sahen, war, wie seine verbrannte Leiche zu Staub zerfiel und eins mit dem Wind wurde.


Unter seiner Kapuze erkannten beide seine rot glühenden Augen, die nach Blut dürsteten. Gehüllt in einen purpurnen Mantel, sein Gesicht unter der Kapuze versteckend, umgarnte ihn der Hauch des Todes und ein nebliger Schleier aus Gnaden- und Ruchlosigkeit.


Worte waren kaum notwendig, um den Ablauf des Geschehens vorauszusagen. Rolantek zog seinen Kampfstab und Isabelle ihre Zwillingsäxte, um sich Seite an Seite verteidigen zu können. Ihr Gegenüber zog seine beiden blutroten Dolche und wartete darauf, dass sie ihren Angriff starteten.


Ein wutentbrannter Kampf wurde entfesselt. Getrieben durch den Tod ihres Verbündeten und Freundes zeigten Isabelle und Rolantek keine Anzeichen ihrer vorangegangenen Müdigkeit und ließen sich durch Zorn, Trauer und rechtschaffener Vergeltung antreiben.


Alle drei schenkten sich keinen Boden in einem von Expertise und Gewandtheit geprägtem Schlagabtausch, einem Tanz der Waffen in einer eisenbeschlagenen Romanze.


Keiner achtete auf die Zeit, sie schienen wie in einer Trancé zu kämpfen. Wich einer der beiden zurück, griff der andere unterstützend ein, parierte und blockte Angriffe, die lethal hätten sein sollen. Rolantek und Isabelle waren ein gutes Gespann im Kampf und es sah danach aus, als würden sie die Oberhand gewinnen und den Kampf kontrollieren.


Dann aber änderte sich die Balance des Kampfes. Ihr Gegner wählte ein aggressiveres Auftreten, griff an, statt sich nur zu verteidigen. Er jagte beide mit seinen Hieben und Attacken durch das Dorf und kontrollierte das Kampfgeschehen.


An die Ruinen einer Kapelle gedrängt, gab es nur die Möglichkeit, sich ihm in einer finalen Konfrontation zu stellen. Isabelle und Rolantek, vom Kampf gezeichnet und erschöpft, erkannten dies als letzte Chance, entweder ihren Feind zu Fall zu bringen oder selbst der Schneide des Schicksals zu unterliegen.


Rastlos und wenig beeindruckt von ihrem bisherigen Kampf ging ihr Erzfeind auf beide zu und ein letztes Gefecht nahm seinen Lauf.


Beide konnten ihm nunmehr wenig entgegensetzen. Ein der Riposte folgender Schlag mit dem Griff eines seiner Dolchen in Isabelles Bauch lies sie außer Gefecht gesetzt zu Boden fallen.


Rolantek schlug sich wacker im Duell Mann gegen Mann, sah den Brunnen seiner Kraft jedoch alsbald versiegen.


Ein furioser Zweikampf zwischen Schüler und Meister gipfelte in einem vermeintlichen Ende, als sich beide Dolche durch Rolanteks Brust bohrten. Er lies seinen Stab fallen und war offensichtlich bezwungen worden. Isabelle kam wieder zu Bewusstsein, nur um zu sehen, wie ihr letzter Verbündeter sein Leben aushauchen sollte.


Da aber setzte Roland mit letzter Kraft das Licht seiner Seele frei und wollte sich selbst mit seinem Gegner in einer Nova aus heiligem Licht vom Antlitz dieser Welt tilgen.


Isabelle stand hastig auf und suchte Schutz hinter einer verfallenen Mauer. Hinter der schützenden Wand wollte sie einen Blick erhaschen von dem Martyrium, welches Rolantek auf sich nahm.


Er war komplett in weißen Glanz getaucht und hielt seinen Henker fest, damit dieser sich seiner gerechten Strafe nicht entziehen konnte.


Rolantek schaute noch ein letztes Mal zu Isabelle und schenkte ihr ein Lächeln, welches trotz blutgetränktem Gesicht zu sehen war.


„Nun liegt es an dir, Mädchen mit dem großen Herzen“, waren seine letzten Worte.


Er sah nun seinem Mörder mit einem Lächeln in die Augen und beide gingen in einer Explosion aus gleißendem Licht auf. Die Radiation tauchte das ganze Dorf in ein Meer aus omnipotentem Licht, welches den dunklen Schleier, den der Assassine mit sich brachte, vertrieb.


Isabelle trat hinter der Mauer hervor. Beide waren verschwunden. Sowohl Rolantek als auch ihr Angreifer waren nicht mehr zu sehen. Sie vergoss Tränen der Trauer und des Respekts. Rolantek hat sein Leben gegeben, um das ihre zu retten und konnte selbst im Momentum seines Ablebens noch sein Lächeln bewahren.


Während sie sich die Tränen aus dem ermüdeten, aber erleichterten Gesicht wischte, sah sie, dass Rolanteks Stab am Boden lag. Sie lies ihre Äxte zurück und entschloss sich, als Mahnmal seinen Stab in der Kapelle aufzustellen, um eine Erinnerung an diesen traurigen, aber denkwürdigen Tag zu schaffen.


Als sie den Stab in der Kirche beim Altar befestigt hatte, betete sie für alle, die heutige gefallen waren, um den Alptraum zu beenden.


Sie stand auf und wollte ihres Weges von dannen ziehen.


In dem Moment, als sie sich dem Ausgang zuwandte, hörte sie nur noch das Geräusch eines fliegendes Objektes, welches durch die Luft rotierte und sie mitten ins Herz traf.


Die Wucht des Aufpralls lies Isabelle rückwärts auf den Altar zu stolpern und sie riss dabei Rolanteks Stab um.

Sie schaute an sich herunter und sah ihre eigene Axt in ihrer Brust stecken, eine klaffende Wunde hinterlassend, aus der ihr langsam, aber sicher, das Leben entschwinden würde. Sie vermochte es, wenn auch nur mit letzter Kraft, sich aufzuraffen und sich umzusehen. Die Statuen bluteten aus den Augen, die Fenster verdunkelten sich und sie sah ihn, wie er auf sie zustürmte. Er bewegte sich zu schnell, als das sie ihm hätte folgen können, beflügelt von den dunklen Mächten, die ihn mittlerweile völlig zu steuern schienen.


Er holte mit ihrer Axt zum Gnadenstoß aus und mit einem gezielten Axthieb schlitzte er ihre Kehle auf.


Eine Mischung aus Tränen und Blut lief ihren Hals herunter und sie fiel auf die Knie. Man sah ihr an, dass sie versuchte, etwas zu sagen, aber mittlerweile hatte sie alle ihre Kraft verlassen.


Den eiskalten Tod umarmend ging sie zu Boden, leblos und zerbrochen.


Coup de grâce, mes amie", sprach er kaltblütig, als Isabelle ihren letzten Atemzug aushauchte.

Im Moment ihres Dahinscheidens wechselte seine Augenfarbe von Blutrot zu Schwarz und er nahm seine Kapuze ab.


Unter dem purpurnen Mantel war der Bauernjunge zu sehen, der sich einst Kai nannte.Geprägt von der Dunkelheit und der Auslöschung seiner ehemaligen Kampfgefährten. Er verzog keine Miene, zollte Respekt oder bot Tränen der Trauer dar, denn die Finsternis hatte ihn mittlerweile fast gänzlich eingenommen.


Er setzte die Kapelle in Brand und löschte somit alle restlichen Überbleibsel seiner Vergangenheit aus.


Die letzten Momente verbrachte er damit, das Gefühl in Erinnerung zu rufen, dass er verspürte, als er seinen Freunden das Leben nahm.


...


„Nein !!!“, schrie Kai, als er in dunkelster Nacht aus tiefstem Schlaf entrissen wurde. Er atmete schwer, war schweißgetränkt und sein Herz raste.


Er sah sich panisch um, fragte sich, wo er war und was passiert sei.


Ein Lagerfeuer, seine Ausrüstung und Vorräte neben sich liegend. Ein Alptraum, ein abgrundtief schlechter Alptraum hatte ihn heimgesucht. Nichts von dem, was er geträumt hatte, war real.


Ein Blick auf die Klinge seines Schwertes zeigte, dass seine Augen noch aussahen wie immer. Geprägt von Müdigkeit, aber keineswegs von sinistren Absichten durchströmt.


Erleichtert richtet er sich auf und schaut in das Lagerfeuer.


„Du hast es gesehen, nicht wahr, Kai ?“, fragte eine ominöse Stimme.

Kai zog sein Schwert und streckte es dem Fremden entgegen.


„Wer seid ihr, Fremder?, erwiderte Kai auf seine Frage.


Kai wurde kreidebleich, als er einen jungen Mann, kaum älter als er selbst, gehüllt in einen purpurnen Mantel, sah. Bewaffnet mit zwei Dolchen.


„Bist du..“, wollte Kai mit zitternder, stockender Stimme fragen.


„Nein, nicht direkt. Man könnte sagen, wir sind zwei Seiten einer Münze“, antwortete der junge Mann, der daraufhin seine Kapuze abnahm.


„Aber wenn du nicht aufpasst, töricht entscheidest und die falschen Pfade entlang wanderst, werde ich wiederkommen und das „Ruder übernehmen“, wenn du verstehst, was ich meine.“


Der junge Mann offerierte Kai noch ein freundliches Lächeln, danach warf die Kapuze wieder über seinen Kopf und machte sich auf seinen Weg.


Kai hatte viele Fragen, aber er wusste, er dürfe die Antworten nie erfahren.


Vielleicht könnten ihn die Antworten davon abhalten, Tod und Verfall in der Welt zu verbreiten, Leid und Qual denjenigen, die ihm ans Herz gewachsen waren, zuzufügen. Eben dem Wahnsinn zu verfallen, der ihn in seinen Träumen heimgesucht hatte.


Oder aber sie könnten helfen, all dies zu verhindern. Wie es auch sei, er hielt seine Fragen zurück.


Dennoch rief er seinem Zwillingsstern eine Frage hinterher.


„Wie darf ich dich nennen“?, fragte er voller Neugier.


„Chris. Du darfst mich Chris nennen. Obwohl ich hoffe, dass wir uns nie wiedersehen. Au revoir, mes ami“.


Mit diesen Worten verschwand er in der Dunkelheit.



20.7.16 15:53


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Die Sage von Oakwood #6

Richtung Lichtung

 

Die Nacht entfaltete sich in einem Gewittersturm. Der Himmel schwarz von den Wolken, während polternde Blitze den finstren Himmel von Zeit zu Zeit für einen Sekundenbruchteil in Licht tauchten.


Inmitten dieser natürlichen Nocturne findet eine Auseinandersetzung statt. Vielmehr ein ungleicher Kampf zwischen einem jungen Mann und einer Gruppe vermummter, hünenhafter Gestalten, bewaffnet mit kolossalen Klingen.


Er konnte sich gegen seine Feinde behaupten. Bewaffnet mit einem Breitschwert, bekleidet in lederner Rüstung, die ihm Schutz bot, aber dennoch Beweglichkeit ermöglichte. Durch den Regen wog seine Kleidung schwer und verlangte ihm noch mehr Kraft ab, als nur seine Waffe beidhändig zu schwingen.


Seine Gegner ließen wenig Einblick gewähren. Nicht, dass er sich inmitten des Regenschauers, des nächtlichen Schleiers oder des zu parierenden Schwertschlaghagels darauf konzentrieren konnte, die Äußerlichkeiten seiner Gegenüber zu studieren. Was er sehen konnte, waren Gestalten von großer Statur, verschleiert unter Mäntel und Kapuzen, die keine Möglichkeit boten, sich ein genaues Bild von ihnen zu machen. Was sich unter ihren Aufmachungen verbarg, vermochte man nur zu erahnen.


Bewaffnet waren sie mit Schwertern, soviel konnte er im Laufe des Kampfes erkennen. Aber sie schwangen keine gewöhnlichen Schwerter. Er hatte solchen Klingt bereits früher gesehen. Sie führten Harpen, Schwerter, welche keine gerade Schwertspitze, sondern sichelförmige Klingenverläufe hatten, mit sich. Er wusste, welche Bedeutung diesen Waffen zuzusprechen ist, doch hatte er momentan andere Sorgen als die Symbolik der Ausrüstung seiner Widersacher interpretieren zu wollen. Inmitten dieser Gedanken fühlte er eine kurze Sekunde der Unachtsamkeit und sah gerade rechtzeitig im Augenwinkel einen energischen Schwerthieb auf ihn zukommen, sodass er gerade noch parieren konnte.

 

Die Klingen der Kombattanten überfielen einander gnadenlos, Schwerthiebe prasselten wie Regentropfen aufeinander hernieder. Er befand sich in einem Kampf ums Überleben und langsam spürte er Müdigkeit und Erschöpfung.

 

Mit jedem Schwertschlag, den er abwehrte, jedes Mal, wenn die Klingen sich kreuzten und der Aufprall beider Stähle die Schwerter zum Vibrieren brachte, fühlte er den Schmerz in seinen Gelenken.


Seine Möglichkeiten waren langsam ausgeschöpft. Das Atmen wurde tiefer und schwerfälliger, ihm wurde schwindelig. Sein Herz pochte. Er wollte seine Umgebung nutzen und machte rückwärtige Schritte, verlagerte den Kampf durch den Wald hindurch, um seine Feinde auf Distanz zu halten.


Er war nunmehr viel zu erschöpft, sein Schwert für einen Angriff zu erheben. Da ihm gar die Kraft fehlte, Hiebe zu parieren, versuchte er diesen auszuweichen. Einer seiner Angreifen holte zu einem weitreichenden Schwung aus, welchem er in letzter Sekunde ausweichen konnte. Obwohl der Angreifer ihn verfehlte, fällte er mit dem Schwertstreich einen Baum, an dem der junge Kämpfer vor seinem Ausweichsprung angelehnt war. Ein glatter, gezielter, gradliniger Schnitt, der den Baum zu Fall brachte.


Langsam raffte er sich auf. Gebeutelt von Erschöpfung, vom Kampf, der Kälte des Regens und der Erkenntnis, sich in einer ausweglosen Situation wiedergefunden zu haben, versuchte er sich aufzurichten. Schmerzen durchzogen seinen Körper, die Kälte raubte ihm seine Beweglichkeit, machte ihn langsam.


Inmitten der tiefen Atemzüge sah er einen der hünenhaften Wesen auf ihn zu sprinten. Seine Gegner hatte der langanhaltende Kampf scheinbar gar nicht ausgelaugt oder gefordert. Wie auch immer dies möglich sei, der Hüne kam immer näher. In seinem benommenen Zustand konnte er ihn zwischen dem Regen und der Dunkelheit kaum noch erkennen.


Als ein Blitz für einen kurzen Moment halb- klare Sicht spendete, sah er nur eine Faust auf ihn zu-schnellen. Der Treffer dieser Faust fühlte sich an, als hätten ihm hunderte Pferde zeitgleich ins Gesicht getreten. Die Wucht des Fausthiebes schleuderte ihn einige Meter durch die Luft. Beim Aufprall blieb er regungslos am Boden liegen. Bewusstlos, kraftlos, machtlos – am Rande des Todes.


Als er wieder zu sich kam, hatten ihn seine Angreifer kniend inmitten der Lichtung positioniert, auf der er nach dem Faustschlag das Bewusstsein verlor. Zwei seiner Feinde hielten seine Hände hinter seinem Rücken fest.

 

Einer von ihnen riss seinen Kopf an den Haaren hoch, sodass sein Gesicht nach oben ragte. Neben dem Regen, der auf sein Gesicht hernieder fiel, spürte er warmes Blut, welches aus einer Wunde an seinem Kopf herausströmte. Das Blut und die Regentropfen mündeten in einem Fluss, welcher über seine Augen strömten und ihm die Sicht verwischten.


Jedoch konnte er, wenn auch nur verschwommen, einen großen Schemen vor sich erkennen. Er schien ihr Anführer zu sein, denn er sprach zu den anderen Beiden, in einer unverständlichen Sprache. Er sah, wie sein gegenüber sein Schwert erhob und dabei eine Art Inkantation vor sich hin sprach. Der junge Mann wusste, es würde gleich vorbei sein. Er hatte kaum die Kraft, sich aufrecht zu halten, geschweige denn, sich zu verteidigen. Er verfiel in eine Art Trance. Die Augen geschlossen, seine Umwelt ausgeblendet, aber dennoch konnte er seine Atmung nicht beruhigen und sein Puls explodierte förmlich in seiner Brust...

 

Er erinnerte sich zurück an die Tage vor diesem Kampf, versank in den Katakomben seines Verstandes und reiste in seinem Kopf einige Tage in die Vergangenheit.

 

...

 

Eine Angelegenheit verschlug ihn auf seinen Reisen in eine weit entfernte Stadt. Viele Tagesmärsche waren notwendig, um das Städtchen zu erreichen. Die Wache am Tor bat ihn, stehen zu bleiben.


„Seid gegrüßt, Fremder. Wer seid ihr und was führt euch nach Owlsberg ?“


Er stieg von seinem Pferd ab. Seine Neugier war geweckt. Er sah sich um, bestaunte die weiten Felder, die grün-grasigen Landschaften. Bauern, die jenseits eines Abhangs Felder bestellten. In weiter Ferne sah er einen dichten Wald. Vor ihm eine ummauerte Stadt, in der er in den nächsten Tagen nach Informationen suchen würde.


Er schüttelte den Kopf und entschuldigte sich bei der Wache.

 

„Verzeiht mir, ich hatte mich kurz in der Landschaft verloren. Svensson. Mein Name ist Svensson.

 

Ich reise seit geraumer Zeit durch Dörfer, Städte und Ländereien auf der Suche nach einer Gruppe zwielichtiger Männer. Vielleicht habt Ihr diese Leute schon einmal gesehen. Vermummte Gestalten von großer, gar bedrohlicher Statur. Wanderer berichten davon, dass eine Gruppe, auf die diese Beschreibung zu-

 

Der Wachmann unterbrach ihn und kam dabei einen Schritt näher.

 

„Schweigt, Fremder. Wenn die falschen Leute hören, was ihr hier in aller Öffentlichkeit heraus posaunt, dann endet eure Suche schneller als euch lieb ist.“

 

Die Wache zog Svennson langsam mit sich. Svennson sah, wie die Wache sich immer wieder umsah und regelrecht Schweißausbrüche durchlebte. Sie stellten sich etwas abseits vom Haupttor in die Nähe einer kleinen Hütte, um etwas abgeschiedener solch delikate Informationen zu bereden.


„Hört zu.“ Die Wache sah sich um und wollte sicherstellen, dass niemand lauschen würde.

 

„Eure Beschreibung trifft durchaus auf eine Gruppe von merkwürdig erscheinenden Individuen zu. Angsteinflößende, ständig vermummte Riesen. Haben kaum ein Wort geredet, nur untereinander. Aber verstehen konnte man ihre Gespräche nicht. So eine Sprache habe ich noch nie gehört.

 

An eurer Stelle würde ich diesen dubiosen Gestalten nicht nachstellen, aber ich habe auf meinen nächtlichen Patrouillen gesehen, dass sie im nahegelegenen Wald ein Lager bezogen haben.

 

Das wisst Ihr aber nicht von mir. Wobei das keine Rolle spielt. Wenn ich mir euer prachtvolles Breitschwert anschaue, seid Ihr nicht gekommen, um euren Standpunkt friedvoll auszudiskutieren.“


Die Wache konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Dabei senkte sie den Kopf leicht zur Seite und deutete mit dem Blick auf sein Breitschwert, welches samt Schwertscheide waagerecht an seinem Rücken hing.


„Eure Intuition täuscht euch nicht. Diese Wesen haben mich sehr wertvoller Dinge beraubt. Dinge, die ich nie wieder zurückbekommen werde. Ich suche schon lange nach diesen Leuten und wenn ich ihnen gegenüber stehe, wird mehr als nur ein Standpunkt massakriert.“


Die Wache amüsierte sich über die Wortwahl.

 

„Viel Glück, Fremder. Ihr werdet es brauchen.“ Er klopfte ihm auf die Schulter und spendierte ein zuversichtliches Lächeln.


„Habt Dank für eure Hilfe. Passt auf euch auf und meidet heute Nacht den Wald“, sagte er mit leiser Stimme und warf ihm dabei ein Zwinkern zu.


Zum Abschied gaben sich beide die Hand und gingen ihrer Wege. Svennson wollte sich genauer in der Stadt umsehen. Vielleicht gab es ja noch andere Leute, die von der Gruppe gehört haben.


Die Wache sah ihn ins Zentrum der Stadt wandern. Als er außer Sichtweite war, ging er zur Hütte und klopfte an die Tür. Ein junger Mann kam heraus und die Wache zeigte ihm, in welche Richtung Svennson ging..


Svennson hatte sich in Ruhe die Stadt angesehen. Lebensmittelläden, Gaststätten, Schänken, Schmieden, Reitställe und eine Großbank. Eine Stadt wie viele andere. Er wusste nicht, wo er suchen sollte. Viel zu viele Menschen, viel zu wenig Zeit.


Er suchte die nächstgelegene Schänke auf, um sich unter die Einheimischen zu mischen. Auf dem Schild über der Eingangstür stand „Zum geschlachteten Lamm“. Klang sehr einladend. Schon beim Betreten des Hauses kam ihm der Geruch von Wein und Weib entgegen. Ein dunkles Etablissement, spärlich beleuchtet durch den Sonnenschein, der sich durch verdreckte Fenster zu zwängen versuchte und Kerzen auf Tischen, die ihre besten Tage bereits lange hinter sich gelassen haben. Die stickige Luft wurde nur von den Trunkenbolden, den Gaunern, kurz, dem Abschaum, untertrumpft. Inmitten der Schänke saßen betrunkene Glücksspieler, Aufschneider, Aufreißer und andere dubiose Narren. An der Theke stand eine Schankmaid und verteilte den Alkohol in rauen Mengen. Besonders eine Gruppe von Soldaten frönte dem Wein, tranken einen Krug nach dem Anderen leer und pöbelten laut vor sich hin. In der Ecke saß ein junger Mann an einem Tisch, gekleidet wie ein Waldläufer.


Er wollte keine Aufmerksamkeit erregen.


Er setzte sich an die Theke und beobachtete die Gäste. Welche dieser Personen könnte ihm Hinweise auf den Verbleib der vermummten Vagabunden geben ? Sollte er überhaupt jemanden darauf ansprechen ? Die Wache am Eingangstor wirkte verängstigt, als er die Fremden ansprach. Wie würden andere Stadtbewohner darauf reagieren ? Er wollte zunächst unauffällig bleiben, sodass keinerlei Gerüchte oder Geschichten über seine Anwesenheit und Absichten seine Fährte offenbaren würden.


Die Schankmaid gesellte sich zu Svennson.


„Was darfs sein, Fremder ?“


Sie warf ihm interessierte Blicke zu.


Svennson überlegte nicht lange.

 

„Das Stärkste, was ihr da habt.“

 

„Oh, mutig“.


Sie stellte ihm einen kleinen Becher aus Blech hin, in den sie eine klare Flüssigkeit füllte.


„Weingeist nennen wir diesen Trunk. Wohl bekommts“.


Er probierte einen Schluck und verstand sofort, warum sie seinen Mut anerkannte.

 

Die Flüssigkeit brannte sich entlang seines Halses herunter und hinterließ einen scharfen Nachgeschmack. Er konnte sich eines Hustens und Schnappen nach Luft nicht erwehren.


Die Soldaten ,nicht weit weg, mokierten sich über ihn.

 

„Jemand mit einem solch imposanten Schwert sollte auch wie ein Mann trinken können und nicht wie eine Magd, denkt ihr nicht auch“? Die Soldaten brachen in schallendes Gelächter aus.


Einer der Soldaten kam auf ihn zu. Er konnte seine Liebschaft mit dem Wein schon von weitem riechen. Der Soldat konnte kaum gerade aus auf ihn zugehen, ohne dabei unaufhörlich andere Gäste anzurempeln. An seiner Kleidung erkannte Svennson, dass er eine gehobene Position in der Stadtwache einnahm, kein einfacher Soldat war. Besser nicht in seine Quere kommen, dachte er sich.


Der Hauptmann kam auf ihn zu und sprach ihn lallend an. So, wie er aus dem Mund roch, war es ein Testament an seine Trinkfestigkeit, dass er noch auf den Beinen stand und der Sprache halbwegs mächtig war.


„Euch hab ihr hier noch nie gesehen, Fremder. Einen Mann mit einem Schwert wie eurem würde ich wiedererkennen. Ein exquisites Stück. Lasst mich mal sehen.“


Der Hauptmann versuchte im Alkoholrausch, nach dem Schwert zu greifen. Svennson aber ließ dies nicht zu, ergriff seine Hand und bat ihn, seine Hände unter Kontrolle zu halten.


„Verzeiht mir, aber eure Hände sollte nichts begehren, was euch nicht euer eigen nennen könnt.“


Er ließ die Hand des Hauptmannes nach einem kraftvollen, bestimmten Druck wieder los und wandte sich wider seinem Weingeist zu.

 

Der Hauptmann verzog seine Miene. Anstatt der fröhlichen Trunkenheit konnte man nun eine wutverzerrte Mimik erkennen. Zudem konnte er seine Männer kichern, spotteten und lachen hören. Ein Fremder widersetzte sich einer militärischen, dekorierten Autorität. Er drohte, zum Gespött zu werden. In seiner Trunkenheit konnte er kaum klar denken, sodass die Wut und die Demütigung ihn dazu verführte, sein Schwert zu ziehen und Svennson hinterrücks niederstrecken zu wollen.


„Eure Arroganz wird euch teuer zu stehen kommen,Fremder!“, schrie er, als sein Schwert auf Svennson hernieder zu fallen drohte. In letzter Sekunde konnte Svennson mit seinem halb-gezogenen Schwert die Klinge des Hauptmannes parieren. Perplex über die Schnelligkeit Svennsons luchsschneller Reaktion stolperte er nach hinten und lies sein Schwert fallen.

 

Etwas benommen vom Fall, sah er nach oben und erblickte Svennsons, der mühelos sein Breitschwert einhändig auf seiner Schulter ruhen lies. Wie eine standfeste Eiche türmte er sich vor dem Hauptmann auf.


Gekränkt von seinem tollpatschigen Scheitern, befahl er den Soldaten, Svennson in Gewahrsam zu nehmen.


„Er hat einen Hauptmann der Stadtwache angegriffen. Ergreift ihn und sperrt ihn ins Verlies!“


Die Soldaten begannen, Svennson zu umzingeln. Eine verzwickte Lage, in der er sich wiederfand. Er hatte keine Angst vor den Soldaten, noch zweifelte er daran, dass er nicht siegreich aus einer Konfrontation emporsteigen würde. Aber er wollte kein unschuldiges Blut vergießen. Natürlich war der Hauptmann ein Narr und Trunkenbold, aber er war keineswegs jemand, der Bekanntschaft mit der Spitze seines Schwertes verdiente. Ebenso war die Zeit der Soldaten noch nicht gekommen. Er war kein Mörder. Nur ein Fremder, der in einer fremden Stadt die Aufmerksamkeit der falschen Leute erregte. Nein, das Blut der Soldaten würde nicht an seinen Händen kleben. Er rammte sein Schwert mit einer entschlossenen Geste in den Boden.


„Ich habe keinerlei Absicht, euch Schaden zuzufügen. Ich habe den Hauptmann nicht angegriffen, sondern mich nur verteidigt. Es gibt keinen Grund, mich in den Kerker zu werfen.“


Der Hauptmann entfernte sich etwas von der Gruppe und unterstellte Svennson hinterhältige Absichten. Eigentlich war es egal, was er ihm vorwarf. Einem Hauptmann würde man jederzeit eher glauben als einem Fremden.

 

Einer der Soldaten versuchte Svennsons Schwert an sich zu nehmen, doch scheiterte kläglich. Der Soldat war eher von schmächtiger Natur, kaum der Statur eines Kriegers entsprechend und somit nicht mächtig, eines Breitschwerts Gewicht zu stemmen. Einige weitere Soldaten kamen ihm zur Hilfe und trugen das Schwert einige Meter weit weg. Svennson machte dies sichtlich nervös. Ihm behagte der Gedanke nicht, seiner Waffe fern zu sein, sich den Schwerter der Soldaten nicht behaupten zu können. Das Gefühl von Machtlosigkeit und Hilfe übermannte ihn, sein Herz begann zu rasen. Die Ausweglosigkeit seiner Situation drohte ihn zu übermannen. Die Wut in ihm stieg empor und er machte sich bereit, die Soldaten mit roher Gewalt zu überwältigen.


Die Anspannung wurde von einem Schrei und einem lautstarkem Schlag auf einen der Tische. Als sich alle umdrehten, konnten sie sehen, dass jemand hinter dem Hauptmann stand und dieser jemand den Kopf des Hauptmannes auf den Tisch geschlagen hat und festhielt, woraufhin er geschrien hat. Im Dunkel des Raumes konnte man die Person kaum erkennen, doch bei genauem Hinsehen erkannte Svennson den vermeintlichen Waldläufer.


„Am besten beruhigen wir uns alle und atmen tief durch. Ich denke, niemand hier möchte unnötig Blut vergießen.“


Der Hauptmann reagierte empört.


„Wie könnt ihr es wagen, mich-“


Kaum begann er zu sprechen, schon zog sein Unterdrücker einen Dolch aus seinem Halfter und rammte diesen blitzschnell voller Kraft neben dem Kopf des Hauptmannes in den Holztisch.


„Ihr tätet gut daran, euer versoffenes Maul zu halten. In eurem Sinne, natürlich. Ich verrate euch, wie wir weiter verfahren werden. Ihr nehmt eure Männer, zieht eurer Wege und schlaft euren Rausch aus. Ihr vergesst diesen Vorfall und belästigt uns nie wieder. Ein Mann von eurem Karat hat doch sicherlich besseres zu tun, als sich mit zwei Fremden auf der Durchreise abzumühen, oder etwas nicht?“


Er ließ von Kopf des Hauptmannes ab und gestatte ihm so, sich wieder aufzurichten.


„Na-Natürlich habt ihr Recht. Ich bin viel zu wichtig, um mich mit euch zu befassen. Soldaten, wir ziehen ab. Umgehend.“


Der Hauptmann und seiner Männer verließen die Schänke. Insgeheim wusste er, trotz seiner benommenen Sinne, dass die beiden Fremden keinerlei Schwierigkeiten gehabt hätten, ihn und seiner Männer im Dunkel der Schänke zu überwältigen. Der Rückzug erschien ihm sinnvoller, um sein Gesicht zu wahren.


Als die Soldaten ihres Weges gezogen waren, beruhigte sich Svennson wieder. Sein Puls entspannte sich und in seinen konnten man wieder einen Menschen erkennen anstelle einer Bestie. Er sah zu dem Fremden hinüber, welcher seinen Dolch aus dem Tisch zog. Die Klinge des Dolches erweckte Svennsons Aufmerksamkeit. Azurfarben, mit einer Gravur oder einer Inschrift. Eine Art Sichel, wie eine Harpe, allerdings war dieses Symbol mit einer Kreuzgravur durchzogen. Bisher hatte er ein solches Wappen noch nie gesehen. Was dieses bedeute, konnte er sich nicht erklären.


Der Fremde ging auf Svennsons Schwert zu. Zu seiner Verwunderung hatte er kaum Schwierigkeit, sein Breitschwert mit nur einer Hand hochzuheben. Er ging auf Svennson zu und reichte ihm sein Schwert.


„Eine wahrhaft schöne Klinge, die ihr führt. Selbst geschmiedet, nehme ich an?“


Svennsons war überrascht.


„Ja, meine erste Waffe, vor Jahren angefertigt. Seitdem habe ich sie oftmals mit dem Hammer bearbeitet und zur Schönheit geschlagen. Kennen wir uns ?“


Der Fremde lachte.


„Nein, unsere Wege haben sich bis zum heutigen Tag nicht gekreuzt. Ich ging nur davon aus, dass jemand mit eurer stattlichen Statur in der Schmiedekunst bewandert ist.“


Er nahm die Kapuze ab. Darunter zeigte sich ein junger Mann mit kurzen, braunen Haaren und einem spärlichen Bart. Durch sein Gesicht zog sich ein warmes Lächeln. Er reichte ihm die Hand.


„Ihr könnt mich Kai nennen. Euer Name ist Svennson, nicht wahr. Ich habe euch am Eingang zur Stadt gehört, als ihr mit der Wache spracht. Lasst uns etwas trinken, ich lade euch ein.“

Svennson nahm die Einladung Kais dankend an und setzte sich zu ihm an den Tisch, an dem Kai vorher saß. Kai bestellte für beide einen Becher Weingeist.


Beide schwiegen sich für einen Moment an und tranken in entspannter Atmosphäre.

 

Svennson war der Erste, der das Wort erhob.


„Nun, Kai, was führt euch in diese Stadt?“


Kai schaute Svennson lächelnd in die Augen.


„Aus dem selben Grund, aus dem es euch hierhin verschlagen hat. Ich suche eine Gruppe Wanderer, der ich schon seit geraumer Zeit auf den Fersen bin.“


Svennson war überrascht. Hatte der Fremde ihn belauscht ?


„Was wollt ihr von diesen Wanderern ?“


„Das gleiche, was ihr auch wollt. Mehr als nur einen Standpunkt massakrieren, das waren eure Worte, nicht ?“


Svennson wurde misstrauisch.


„Habt ihr mich belauscht ?“


„Seid unbesorgt. Die Wache ist ein Freund von mir. So konnten wir Informationen über diese merkwürdigen Gestalten sammeln, ohne aufzufallen.“


Svennson beruhigte sich wieder. Froh darüber, nicht erneut einer Gefahr ausgesetzt zu sein, fuhr er fort.


„Was könnt ihr mir über die ominösen Fremden erzählen ? Und warum verfolgt Ihr sie ?“


Kai lehnte sich näher an Svennson heran und senkte sein Stimme, sodass niemand sie belauschen konnte.

 

„Das frage ich euch. Ihr macht auf mich den Eindruck, als wärt ihr ein erfahrener Kämpfer. Dennoch verfolgt ihr eine Gruppe von Unscheinbaren. Und dafür habt Ihr sicherlich einen Grund. Also...lasst mich raten. Ihr vermutet unter ihnen die Mörder eines eurer Familie, nicht wahr ?“


Svennson war schockiert. Konnte Kai Gedanken lesen oder wusste er mehr über die Mörder seiner Familie, als er preisgab ?“


„Woher wisst ihr ?“


„Nun, die Wesen, die ihr verfolgt, kennt man unter dem Namen Dahaka. Wächter der Zeit, Söldner des Schicksals, Dämonen einer längst vergangenen Epoche. Wo sie wandeln, verbreitet sich Tod und Verfall. Wenn Ihr also einer Gruppe Dahakas hinterher jagt, habt ihr dazu entweder einen verdammt guten Grund oder ihr seid dem Wahnsinn verfallen. Und Ihr macht auf mich den Eindruck, als hätten die Dahaka euch eurer Liebsten beraubt.“


Svennson zögerte einen Moment. Ihm fiel es schwer, die Absichten von Kai zu durchschauen. War er Freund oder Feind ? Konnte er ihm vertrauen ? Er war sich nicht sicher, aber sein Bauchgefühl sagte ihm, dass Kai ihm helfen könnte, sein Ziel, diese Dahaka, zu töten.


Svennson erzählte ihm von dem Tag, vor vielen Jahren, als die Fremden sein Haus in der Wildnis heimsuchten. Er selbst war zu dieser Zeit im Dorf. Aber seine Familie, seine Frau und Tochter, fielen ihnen zum Opfer. Er hat nie verstanden, warum oder wer sie schickte. Nichts wurde gestohlen, seine Behausung wurde nicht verwüstet. Als er heimkam, fand er seine Frau und seine Tochter blutverschmiert auf. Seine Tochter von 10 Jahren fand er mit aufgeschlitzter Kehle ausgeblutet am Boden liegen. Ein schneller, schmerzloser Tod. Seine Frau fand er an der Wand hängend, durchbohrt von einem Schwert und mit selbigen an die Wand geschlagen. Ein qualvoller Tod. Für Svennson ein Schicksal, welches man keinem Vater oder Ehemann wünschen würde.


„Ich hätte für meine Familie da sein sollen. Ich wünschte mir, sie hätten mich auch getötet. Ich hätte diesen Tag nicht überleben sollen.“ Er atmete tief und schwer, verkniff sich die Tränen. Sein Antlitz wog schwer und er nahm einen tiefen Schluck zu sich.


„Seitdem verfolge ich die Mörder meiner Familie. Bisher schienen sie mir immer einen Schritt voraus zu sein. Aber diesmal. Diesmal werden sie mir nicht entkommen.“

 

Svennson stellte den geleerten Becher auf den Tisch und wandte sich Kai zu.

 

„Was ist mit euch, warum verfolgt ihr diese Monster ?“


Auch Kai nahm einen tiefen Schluck vom Weingeist.


„Vor vielen Jahren verfolgten mich die Dahaka erbarmungslos. Egal, wohin ich floh, egal, durch welche Ländereien ich mich unauffällig ihren Augen zu entziehen versuchte, sie waren mir jederzeit gefährlich nah auf den Fersen. Und dann...eines Tages...fanden mich zwei von ihnen. Ich war nachlässig, schlampig geworden. Und mein Leben hätte an diesem Abend sein jähes Ende finden sollen.“


„Und doch seid Ihr heute hier in dieser Schänke. Was ist passiert ?“


„Stimmt, mein Leben fand jenes Abends in einer Scheune kein Ende. In dem Moment, als die Dahaka mein Leben auslöschen wollten, kam ein Mann an den Schauplatz meines Nahtodes und stach dem Schicksal direkt ins Auge. Ich war fassungslos. Ich dachte bis dahin, man könnte den Lauf des Schicksals nicht ändern.“


Kai war machtlos und ließ ein breites Grinsen zu.


„Aber an diesem Abend fand ich die Hoffnung wieder.“


Mit einem von Bestimmung und Euphorie schien es, als würde er Svennson direkt durch die Augen in die Seele blicken.


„Und seitdem ziehe ich es vor, die Dahaka zu jagen, anstatt vor ihnen wegzulaufen.


Svennson steckte die Euphorie an. In diesem Moment erkannte er, dass er in Kai einen Waffenbruder gefunden hatte. Er wollte ihn bitten, Seite an Seite mit ihm die Dahaka herausfordern. Allerdings wollte er seinen Wunsch nicht überstürzen.


„Stemmt ihr dieses waghalsige Vorhaben alleine ?“


Kai schien, als würde er in Erinnerungen schwelgen.

 

„Nicht ganz. Ich erinnere mich an Zeiten, als ich die Gesellschaft Gleichgesinnter genoss. Ein Vagabundenfräulein, welches ich in den Wirren eines Waldes traf. Ein junger Prinz, mit dem ich zusammen einen Dämon niederzwang. Und ein Stalljunge, den mein Lehrmeister und ich vor den Flammen des Schicksals bewahrten.“


Kai leerte seinen Becher und seufzte.


„Aber manchmal trennen sich Wege. Neue Pfade ergeben sich. Alte Kameraden werden zurückgelassen und neue Bündnisse werden geschlossen.“


Ein Moment der Nostalgie wehte durch die Schänke. Sowohl Kai als auch Svennson tauchten in das Reich ihrer Erinnerungen hinab. Eine kurze Wiederkehr an bessere Zeiten und Orte. Momente des Lebens, an denen das Leben noch Schätze offenbarte anstatt sie zu nehmen.


Es war Svennson, der zuerst dem Schwelgen entstieg und die Unterredung fortführte.


„Wie viele Menschen teilen unser Schicksal ?“ Wie viele mussten Ähnliches durchleben ?“


Kai strich sich über den Bart und dachte kurz nach.


„Einige haben ähnliche Schicksal wie wir durchlebt. Andere wiederum hatten nicht so viel Glück und wurden von den Dahaka dahin gerafft.“


Svennson verstand nicht.


„Was haben unsere Schicksale mit Glück zu tun ? Ich habe meine Familie zu Grabe getragen. Wer würde so eine Schicksalsfügung als Glück betrachten ? Ich hätte lieber den Tod gefunden als jahrelang meinen Peinigern nachzujagen.“


Kai war über diese Reaktion nicht überrascht. Immer noch mit einem einladenden Lächeln im Gesicht, offerierte er Svennson eine tröstende Hand auf seine Schulter.


„Ich verstehe euch, Bruder. Aber anstatt zu lamentieren könnt ihr nun helfen, anderen euer Schicksal zu ersparen.


Kai stand auf und reichte der Schankmaid einige Goldmünzen.

 

„Entschuldigt die Unannehmlichkeiten. Das sollte euch mehr als entlohnen. Und bitte vergesst, dass ihr uns je gesehen habt.“


Er warf ihr ein freundliches Augenzwinkern zu und verließ mit Svennson die Schänke.


Die Dämmerung brauch bereits über die Stadt herein. Die Bewohner suchten Schutz, Wärme und Licht in ihren Häusern.


Kai und Svennson schlenderten über die Promenade, über den Marktplatz bis hin zum Park. Von hier aus konnten sie in weiter Ferne den Wald sehen.


Kai zeigte in die Richtung des Waldes.


„Dort werden wir sie finden. Dort haben sie ihr Lager aufgeschlagen und warten auf neue Befehle.“


Svennson wurde unruhig. Jahrelang war er ihnen auf der Spur. Jahrelang verfolgte er sie. Und heute, in der Vollmondnacht würde seine Reise ein Ende finden.


Kai konnte Svennsons Anspannung spüren. Sein Körper pulsierte, sein Gesicht war starr und wutverzerrt. Er konnte den Klang von Svennsons pochendem Herz hören, als wären es Kriegstrommeln im Angesicht des Feindes.


„Ich verstehe eure Lage, aber ihr müsst euch im Zaum halten. Noch ist es nicht an der Zeit, zuzuschlagen.“


Svennson versuchte, sich zu beruhigen, obwohl dies keine leichte Aufgabe für ihn war.


„Wie sieht euer Plan aus ?“


Kai verschränkte nachdenklich die Arme und strich sich erneut durch seinen Bart.


„Wir werden bei Mitternacht zuschlagen. Ich warte noch auf einen alten Freund, der uns im Kampf unterstützen wird. Wenn die Kirchturmuhr 12 schlägt, treffen wir uns vor dem Stadttor und begeben uns gemeinsam in den Wald. Dabei ist es das Wichtigste, kein Aufsehen zu erregen, um unsere Feinde nicht zu warnen. Wenn du Dahaka uns bemerken, bevor wir sie in einen Kampf verstricken können, verschwinden sie und wir werden sie womöglich nie wieder finden. Oder noch schlimmer, die Dahaka beschwören Verstärkung herbei und wir finden uns umgeben von einer Legion von ihnen wieder. Zu Dritt sollte es uns möglich sein, die Oberhand zu erhalten und die Dahaka niederzustrecken. Unauffällig, schnell, präzise und endgültig.“


Svennson hörte sich den Plan an und äußerte seine Ungeduld.


„Warum gehen wir nicht ? Wir riskieren, dass die Dahaka unbemerkt weiterziehen oder sich formieren. Vielleicht bereiten auch sie gerade einen Angriff auf die Stadt vor und wir verschwenden hier unsere Zeit damit, Pläne zu schmieden und nichts zu unternehmen! Ich werde sicherlich nicht hier rumstehen und darauf warten, dass mir die Dahaka zuvorkommen !“


Aus Svennson sprach der pure Wunsch nach Rache. Als er diese Worte aus der Kehler feuerte, umklammerte seine Hand das an seinem Rücken anliegende Breitschwert. Kai sah, wie er vor Wut zitterte.


„Ich kann euren Zorn nur allzu gut verstehen. Aber wenn ihr jetzt in den Wald marschiert, ohne euch vorzubereiten und euren Geist zu beruhigen, werdet ihr dort nichts weiter als den Tod finden. Dahakas sind keine gewöhnlichen Feinde. Euer von Menschenhand geschaffenes Schwert wird sie nicht zu Fall bringen.“


Kai zog seine Dolche aus der Tasche und reichte sie Svennson, der sich in der zwischen etwas zu beruhigen vermochte.


„Um einen Dahaka zu verwunden oder gar zu töten, braucht ihr Artefakte, die aus mystischem, magischem Material geschaffen wurden. Meine Dolche, beispielsweise, sind aus den Tränen des Poseidon gefertigt. Darauf wurde eine Bannspruch eingraviert, die den Zauber der Zeit zerstört. Diese Dolche sind nur einige der Waffen, die es bedarf, um einen Dahaka zu töten. Euer Breitschwert ist zweifellos ein feines Stück Schmiedekunst, aber dennoch machtlos gegen die Dahaka. Mein Gefährte bringt uns noch weitere Waffen mit, die uns im Kampf den Sieg garantieren werden, seid Euch dessen gewiss. Ich kriegt eure Vergeltung, aber lasst euch durch den Wunsch nach Rache nicht blenden. Und jetzt sucht euch einen Platz zum Ruhen. Wenn die Glocke schlägt und wir losziehen, müsst ihr ausgeruht sein. Wenn ihr wollt, könnt ihr in der Hütte am Stadttor rasten. Ich werde ein wenig durch die Stadt schlendern und auf meinen Freund warten. Gehabt euch wohl.“


Kai zog sich die Kapuze über den Kopf. Es begann zu regnen und außerdem wollte er in der Stadt nicht auffallen. Er verschwand in den Lichtern der Stadt und in den fallenden Regentropfen.


Svennson zog sich erschöpft in die Hütte am Stadttor zurück. Er wollt sich einige Stunden der Ruhe, des Schlafes gönnen, bevor in die Kampf ziehen würde. Er legte sich auf das gemütlich aussehende Bett und fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Er hatte lange nicht mehr in einem richtigen Bett geschlafen.


Ruhe und Entspannung aber fand er nicht. Im Traum quälten ihn, wie so oft quälten ihn die Bilder seiner abgeschlachteten Familie. Die Leichen seiner Liebsten, die er zu Grabe tragen musste. Bilder, die ihm schon so lange den Schlaf raubten.


Er wachte schreiend auf, schweißgebadet und mit Panik in den Augen. Nein, er konnte nicht länger warten. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde das Risiko stetig größer, dass die Dahaka ihren nächsten Schachzug ausspielten. Svennson wollte das Wagnis nicht eingehen,

 

...

 

Svennson nahm sein Schwert wieder an sich und machte sich auf den Weg zum Wald. Zum Dunkel der Nacht und dem prasselnden Regen kam nun auch noch Gewitter und Donner. Er schlich sich vorbei an den Bauernhöfen und Ställen, den Häusern und Hütten. Er betrat den Wald und folgten den Spuren, die die Dahaka hinterließen.


Nach einer Weile kam er ihrem Lager näher. Er versteckte sich hinter einem Baum und beobachtete sie. Die Dahaka waren vermummt. Auch sonst konnte er nur wenig erkennen, da der Regen seine Sicht behinderte. Während sie um eine Art Lagerfeuer herumstanden, welches in einer ebenholzschwarzen Flamme leuchtete, konnte er nur ihre hünenhaften Silhouetten wahrnehmen. Sie scheinen irgendeine Art Ritual zu wirken. Die Worte, die sie dabei im Einklang sprachen, konnte er nicht verstehen. Er hatte diese Sprache noch nie zuvor gehört.


Plötzlich stoppten die Dahaka ihr Ritual. Warum taten sie das ? Hatten sie ihn bemerkt ? Als sie plötzlich in seine Richtung sahen, lief ihm ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. Ohne nachzudenken zog er sein Schwert und schlug blitzschnell hinter sich, wo sich seine und die Klinge eines Dahaka kreuzten. Während die Klingen ineinander harkten, musste er viel Kraft aufbieten, um die Oberhand in diesem Duell zu erringen und seinen Gegner von sich zu stoßen. Doch im nächsten Moment war umzingelt von Feinden. Egal, in welche Richtung er blickte, er war umgeben von Kontrahenten.


Die Anspannung war ihm ins Gesicht geschrieben. Er bereitete sich auf einen Kampf vor, der womöglich sein letzter sein könnte. Er schloss die Augen und atmete tief ein. Sein Atem wurde ihm bewusst, sein Griff umklammerte sein Schwert, welches er zum Schwingen bereit hielt. Der Regen schien langsamer zu fallen...


Als er die Augen wieder öffnete, kniete er wieder vor dem Anführer der Gruppe. Er hatte sich in den Tiefen seiner Erinnerungen verloren. Noch immer war er erschöpft, kraftlos und besiegt. Sein Schwert lag im Schlamm, außerhalb seiner Reichweite. Hinter ihm standen drei weitere Dahaka, er konnte also nirgendwohin fliehen. Und selbst wenn der Weg frei wäre, er konnte kaum noch die Augen öffnen.


Der Anführer der Dahaka, der vor ihm stand, hatte die Inkantation beendet. Er machte sich bereit, Svennson mit dem Schwert niederzustrecken. Welcher Art von Ritual oder Beschwörung der damit zum Opfer fallen würde, wusste er nicht. In seinem der Bewusstlosigkeit nahen Zustand war ihm alles weitere egal. Er wusste, er hatte versagt. Er konnte seine Familie nicht rächen. Aber wenigstens würde er bald bei ihnen sein. Ein Trost, dessen Preis sein Leben war.


Svennson sah das Schwert des Dahaka auf sich zukommen. Sein Herz raste. So sehr, dass er dachte, sein Herz würde explodieren. Im Bruchteil einer Sekunde wichen Hoffnungslosigkeit reinem, puren Zorn. Doch sein Willen kam zu spät. Die Klinge würde in den nächsten Sekunden sein Leben beenden und das Kapital von Svennson beenden.


Doch kurz bevor der Dahaka sein Werk vollenden konnte, schnellte hinter den drei anderen Dahaka ein Schwert hervor und bohrte sich in den Brust des Henkers. Die Dahaka waren ebenso sehr überrascht wie Svennson, der das Geschehene noch nicht in seiner Gänze verstanden hatte. Er sah hinter sich und konnte einen Mann unter einem der Bäume erkennen. Er war nach vorne gelehnt, so als hätte er gerade mit voller Wucht ein Schwert geworfen. Er konnte trotz Blut in den Augen und dem niederdrückenden Regentropfen Kai erkennen. Inmitten der Nacht, des Regens, der Erschöpfung, des imminenten Ablebens, erkannte er das Lächeln der Person, die ihm gerade sein Leben rettete, die ihm Hoffnung in der finstersten seiner Nächte spendete.

 

Die übrigen drei Dahaka verfielen in eine Art Wutanfall. Einer von ihnen lief auf Kai zu. Dieser wirkte unbeeindruckt und drehte sich zur Seite. Aus den finsteren Ecken des Waldes schnellte eine Lanze hervor, die den nichtsahnenden Dahaka durchbohrte und an einen Baum pfählte. Svennson sah zur Seite in Richtung des Baumes, an dem der Dahaka aufgespießt wurde. Der Speerwurf traf ihn so machtvoll, dass die Speerspitze an der anderen Seite des Baumes herausragte. Svennson war verblüfft, denn er erkannte den Speer als den Speer des Schicksals. Der Dahaka löste sich nach einem kurzen Todeskampf langsam in schwarzen Sand auf. Es sah so aus, als würde er schmelzen, aber das Blut war in Wirklichkeit Sand, aus dem der Dahaka geboren und geschaffen war.


Noch immer von Zorn durchzogen, aber nun in rechtschaffene Vergeltung umgelenkt, kanalisierte Svennson diese Wut und verlor sich darin Ohne Mühen konnte er wieder aufstehen und ignorierte seine Wunden, seine Kraftlosigkeit und seine Unterlegenheit und ergriff das azurblaue Breitschwert, auf dem wie bei Kais Dolchen ein Bannspruch eingraviert war, welches Kai dem Anführer der Dahaka in die Brust schleuderte. Mit einem ohrenbetäubenden Kriegsschrei schwang er das Breitschwert einarmig im Kreis um sich herum und enthauptete einen der Dahaka mühelos.


Der letzte verbleibende Dahaka wusste nicht, wie er reagieren sollte. Er drehte sich fast schon panisch immer wieder zu Svennson und Kai zu. Nachdem er sich einige Male umsah, entschloss er sich, auf Kai loszustürmen. Svennson wollte Kai zur Hilfe kommen und dem Dahaka nach sprinten, doch sah er in Kais Gesicht wie, zum ersten Mal, seitdem er ihm begegnete, das Lächeln einer ernsten Miene wich.


Kai wirkte entschlossen, berechnend. Er machte den Eindruck, als wüsste er genau, was er tue. Er ging mit einer schwerelosen Leichtigkeit in den Kampf. Er zog seine Dolche und rannte auf den Dahaka zu. Dieser holte aus und wollte Kai mit einem gewaltigen Schwerthieb töten. Kai jedoch war schneller und sprang unter den Beinen des Dahaka hindurch. Dann schnitt er ihm die Kniesehen durch, woraufhin der Dahaka zu Boden fiel. Die Schmerzschreie des Dahakas waren nur von kurzer Dauer, als Kai ihm mit einem seiner Dolche die Kehle durchtrennte. Verstummt ging auch der letzte der Dahaka zu Boden und alle gefallenen Dahaka lösten sich in schwarzen Sand auf.


Svennson war beeindruckt davon, wie mühelos Kai die Dahaka niederstreckte. Mittlerweile war Kai zu ihm gegangen und Svensson konnte erneut ein Lächeln in Kais Antlitz wahrnehmen. Zeitgleich kam ein Fremder aus dem Wald, der den Speer an sich nahm, der noch immer im Baum steckte.


Svennson fühlte sich wieder schwächer, wurde von seinen Wunden und der Erschöpfung zum Rasten gezwungen.

 

Er setzte sich an das Lagerfeuer der Dahaka. Auch Kai und der Fremde gesellten sich dazu. Aber sie setzten sich nicht hin, sondern blickten in das Feuer und begannen in der Sprache der Dahaka scheinbar in die Flammen zu sprechen. Svennsons verstand die Sprache noch immer nicht, aber er war sich sicher, einen Namen gehört zu haben – Kronos. Svennson erschrak, als das Feuer sich scheinbar wie von selbst löschte. Nun setzten Kai und der Fremde sich zu ihm.


„Nun habt ihr gesehen, wozu die Dahaka imstande sind. Um ein Haar wäret ihr heute gefallen. Seid beim nächsten Mal bitte vorsichtiger. Wären Shudu und ich nicht gekommen, würdet ihr jetzt nicht mehr auf den Beinen stehen.“

Svennson sah zum Fremden rüber, der scheinbar auf den Namen Shudu hörte.


„Seid gegrüßt, Svennson. Mein Name ist Shudu. Kai hat mir von euch erzählt, aber er sagte nichts davon, dass ihr ein Berserker seid.“


Svennson war verwirrt. Langsam fand er die Kraft wieder.


Kai konnte Svennson die Neugier und zugleich Verwirrung ansehen.


„Ihr habt sicherlich viele Fragen, Bruder. Was ist ein Berserker ? Mit wem haben wir in der Flamme gesprochen ? Und die wichtigste Frage von allen – wie geht es weiter ? Nun, ihr sollt auf alle diese Fragen Antworten erhalten, aber ich würde ein gemütliches Gasthaus diesem stürmischen Kampfschauplatz den Vorzug geben.“


„Was meint ihr, wie es weiter geht?“


„Die heutige Nacht erinnerte mich daran, wie die Dahaka mich damals holen kamen. Wäre Shudu nicht bekommen, hätte er mir nicht geholfen, die Dahaka abzuwehren, wäre ich heute nicht mehr hier. Ich wusste nach dieser Nacht aber auch, dass meine Reise hier nicht enden würde. Die Dahaka sind nur Bauern eines Schachspiels, welches längst nicht entschieden ist. Ich wollte in diesem Spiel mehr als nur ein Bauer sein. Ich will den König matt setzen und andere davor bewahren, ein Teil dieses gefährlichen Spiels zu werden. Und ihr, Svennson, habt den selben Glanz in euren Augen, den ich damals auch hatte.


Svennson dachte kurz über die Worte von Kai nach. Er hatte recht, heute war nur eine von vielen Schlachten geschlagen worden. Heute wurden die Steiner nur ins Rollen gebracht.


Svennson nahm sein altes Schwert an sich ging zur erloschenen Feuerstelle zurück. Mit einem kraftvollen Stich rammte er sein Schwert in den Boden.


„Die Dahaka sind nur die Handlanger desjenigen, der wirklich hinter dem Tod meiner Familie stand. Sie werden erst in Frieden ruhen können, wenn ihr König fällt.“


Das Schwert repräsentierte das Ende einer Ära für Svennson. Aber zeitgleich auch den Beginn einer neuen Zeit. Zum ersten Mal hatte er Verbündete. Er hatte ein Ziel, welches nicht nur durch blinde Wut, durch Rache geprägt war. Rechtschaffene Vergeltung war es nun, wonach er strebte. Und er war auf dieser Reise nicht mehr alleine.


Er verabschiedete sich von seinem Schwert und lies die Trauer, die Albträume und den ziellosen Hass zurück. Ein letzter Gedanke galten seiner Frau und seiner Tochter. Er würde sie nicht vergessen, aber die quälenden Bilder wollte er nicht jedes Mal sehen, wenn er seine Augen schloss. Er wollte sie in Erinnerung halten, wie er sie zu Lebzeiten erinnerte.


„Ich bin hier fertig. Gehen wir.“


Svennson, Kai und Shudu machten sich bereit aufbrechen zu wollen. Svennson gingen die Fragen, die er stellen wollte nicht aus dem Kopf. Kronos, ein Berserker – diese Nacht warf mehr Fragen auf, als sie zu beantworten bereit war. Er wollte die Nacht in seinem Kopf Revue passieren lassen, da wurde er von Kai aufgehalten.


„Bleibt stehen.“


Svennson verstand nicht. Gab es noch etwas wichtiges an diesem Ort ?


Kai und Shudu zogen ihren Waffen und sahen sich um.


„Könnt ihr sie nicht spüren ? Unser Kampf zog sich scheinbar nicht ungesehen von dannen. Macht euch bereit.“


Svennson war so sehr mit seinem Gedanken beschäftigt, dass es ihm gar nicht aufgefallen war.

 

Er schaute ins Dickicht des Waldes und drehte sich in alle Richtungen. Er konnte die schattenhaften Schemen im Dunkeln spüren. Er sah rot-glühende Augen, egal, wo er hin sah.


„Ich hoffe, ihr könnt mit eurer neuen Waffe umgehen“, sagte Shudu mit neckischem Unterton.


Auch Svennson zog seine Waffe und machte sich bereit, sich und seine neugewonnenen Kameraden zu verteidigen.


Die Schatten rannten aus dem Wald in Richtung Lichtung, direkt auf die Gruppe zu. Eine Horde gegen drei Krieger. Blutrünstig, gnadenlos, das Verlangen nach Rache für ihre gefallen Brüder in den brennenden Augen.


Kai, Shudu und Svennson warfen sich ein Lächeln zu, bevor der Klingensturm sich entfesselte...

2.4.16 21:39


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