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Die Sage von Oakwood #1

Der Dämon von Oakwood.


Es war einmal im Königreich des Oakwood.


Regiert von der Aristokratie eines ungleichen Pantheons, herrschte Friede in den idyllischen Landschaften des Oakwood. Das Leben war einfach und das Volk von simplem Gemüt. Jedem wurde eine Aufgabe zuteil und im Meer von Gesichtern trug jeder sein Kreuz ohne aus der Maskerade herauszustechen.


Doch mit der Zeit, welche sich hin und wieder als bester Freund, aber auch als schlimmster Feind äußerte, wandelte sich die friedliche Harmonie in kataklysmisches Chaos.


Ein Dämon bedrohte die Utopie des Oakwood. Imposant und bedrohlich in seiner Gestalt. Ein schier fürchterliches Antlitz, das die Herzen und Gesichter der Menschen mit Angst und Schrecken zu erfüllen vermochte.

Seine Klauen rafften das Volk unaufhörlich hin, bis die Bevölkerung, welche aus einst vielen bestand, nur noch eine Handvoll darstellten.


Es waren Zeiten wie diese, in denen der Aufschrei nach Hilfe eines Helden verlangte, der das Equilibrium zwischen Leben und Tod, Gut und Böse – Krieg und Frieden wiederherstellte.


Es unterstand der weisen Entscheidung des Pantheon, diese Lichtgestalt auszuwählen, um das Land von seinem Peiniger zu erlösen.


Ein Vertreter des Rates, welchen sie Jensen von Schönrogge nannten, trat hervor und rief seine Lordschaft Henriksen vor das Pantheon. Ein in die Jahre gekommener Mann, seines Zeichens ein gebildeter Zauberer. Er hatte die Welt bewandert und an Lebenserfahrung sei er reich beschenkt worden. Von Schönrogge war sich sicher, wenn man die Bestie bezwingen wollte, brauche man einen scharfen Verstand, Erfahrung und ein weises Gemüt. Dieses wisse er in seinem Champion vereint.


Nun trat ein weiterer Repräsentant des Rates hervor. Sie nannten ihn Mikael. Als er um das Wort bat, hüllten sich alle ehrfürchtig in Schweigen und lauschten seinem Plädoyer.


Sein Auserwählter war der junge Prinz des Königreiches, Jake. Ein talentierter junger Mann. Geübt im Umgang mit Waffen. Beliebt bei Wein, Weib und den Menschen, die ihn umgaben. Sein Ruf eilte ihm voraus und er genoss es, diesen auszuleben. Mikael war sich sicher, um die Monstrosität zu Fall zu bringen, bedarf es einer Kriegerelite von royalem Blut, gesegnet mit Talent und einer Reputation, die den Kriegsschrei der Bestie übertönen würde. Er wähnte sich sicher, seine Schützling würde dieser Aufgabe gerecht werden.


Der Rat entschied sich ferner dagegen, den Helden weitere Hilfe mit auf den Weg zu geben. Niedere Fußsoldaten entsprächen nicht dem Karat Held, der notwendig war, mit den Auserwählten mithalten zu können und würden diese nur aufhalten. Die beiden Helden sollten also auf sich gestellt sein. Ein Mann, so weise und erfahren wie Lord Henriksen oder so talentiert und geschickt wie Jake würde es nicht an Hilfe bedürfen.

Doch inmitten dieser hitzigen Debatte entschloss ich Rolantek, der weiseste unter ihnen, das Wort zu erheben.


Er wollte selbst eine Person in den Kampf schicken. Er prahlte nicht wie die anderen mit Tugenden oder stellte seinen Schützling als jemanden vor, dem sein Ruf vorauseile. Nein, er sagte, er würde einen jungen Mann namens Kai aussenden und hege keine Zweifel, dass dieser dem Schatten, der sich über das Land gesetzt habe, ein Ende bereiten würde.


Der junge Kai hatte wenig mit den strahlenden Helden gemein. Kein lebenserfahrener Mensch oder Magier, noch ein Nachfahre königlichen Blutes, aus dem der Stoff von Helden gemacht ist. Nein, Kai war ein unscheinbarer Junge. Unbemerkt und wortkarg zog er durch die Stadt, ohne lebhaften Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern zu pflegen. Auch der Angriff der Bestie hat daran wenig geändert. Kai selbst war also ebenso fragwürdig wie die Handlung Rolanteks, ihn in das Scharmützel zu senden.


Der Abschied der Helden war imposant. Lord Henriksen und Jake wurden theatralisch verabschiedet, wie Gladiatoren, die die Arena nach einem glorreichen Sieg verließen.

Den Damen des Hofes einen letzten Blick zuwerfend, ritt Jake auf seinem Ross in edler Rüstung und dem Schwert seiner Familie in den Sonnenuntergang. Ebenso tat es ihm Lord Henriksen gleich, mit seinem Stab und in Purpur gehüllt gehüllt, ritt er an der Seite von Jake aus.


Kai hatte die Absicht, das Burggelände unbemerkt zu verlassen. Pathetische Melodramatik lag ihm fern, also verließ er das Dorf wie ein einfacher Junge.


An der Pforte jedoch wartete bereits Isabelle. Ein Vagabundenfräulein, welches Kai schon oft im Dorf gesehen hat. Beide tauschten hin und wieder ein Lächeln sowie eine freundliche Begrüßung aus. Zum Abschied umarmten sich beide, denn sie wussten, es handelte sich hierbei um ein „Leb wohl“, denn Kai würde nach dem Tod des Schreckens weiterziehen und nicht wiederkehren.

Auch Rolantek wartete an der Pforte und verabschiedete seinen Schützling, wohl wissend, dass er die Beste niederringen, jedoch nicht zum Oakwood zurückkehren würde.


Also verließ Kai das Dorf in Richtung der voran gerittenen Helden, bewaffnet mit dem Schwert und Schild eines einfachen Soldaten sowie dem Mantel eines Wanderers.


Kai wusste genau, wo er das Monster finden würde. Er war kein Spuren- oder Fährtenleser, kein Jäger oder Waldläufer. Aber jeder Weg, den er nahm, schien ihn näher ans Ziel zu führen. Egal, welche Kreuzung, welche Abzweigung und welchen Schleichweg er nahm, er verirrte sich nie.


So kam es, dass er zur gleichen Zeit wie Lord Henriksen und Jake den Unterschlupf des Monsters erreichte, obgleich er nicht über ein Ross verfügte.


Die Bestie zeigte ihr Antlitz, als sich die Protagonisten dem Gefilde näherten.


Lord Henriksen und Jake zeigten sich sichtlich beeindruckt der Bestie gegenüber, welche sich bedrohlich vor ihnen aufbaute. Nun begannen beide, Pläne zu schaffen, wie sie das Ungetüm am Besten zu Fall bringen könnten. Dabei arbeitete jeder an seinem eigenen Plan, keiner der beiden zog es in Erwägung, auf die Hilfe und Teamarbeit des Anderen zu setzen.


Jakes Taktik war recht überschaubar. „Ein Soldat von seinem Format brauche weder Schlachtplan noch Hilfe. Mit seinem Talent und seinen Fähigkeiten werde er obsiegen und seinem Ruf gerecht werden“.


Lord Henriksen ging einem ganz anderen Paradigma nach. „Er kenne diese Arten von Belagerungen. Zunächst werde er warten, bis die Anderen das Monster geschwächt haben und dann aus sicherer Entfernung den Gnadenstoß durchführen“.


Während beide ihre zweifelhaften Agenda vorbereiteten, stürmte Kai unentwegt an ihnen vorbei und entschlossen auf die Monstrosität zu. Keine Planung, kein Einfalls- und Ideenreichtum. Mit seiner Kapuze ins Gesicht gezogen und ohne Kampfschrei sprintete er mit gezücktem Schwert und Holzschild auf seinen Feind hinzu. Sein ungestümer Angriff sollte ihm teuer zu stehen kommen, denn der Dämon holte mit seinen kraftvollen Klauen aus und warf Kai mit einer klaffenden Wunde zu Boden. Er blieb regungslos liegen, von Jake und Lord Henriksen mit Spott belächelt, für sein törichtes Vorangehen.


Jake stieg als nächstens in den Ring. Ihm sollte die Ehre zuteil werden, den Dämon zu Fall zu bringen und Ruhm und Ehre seinem Namen zu verschaffen. Er zog sein edles Schwert und sein prachtvolles Schild und näherte sich dem Feind.


Zwar konnte er er sich in einem Schlagabtausch hinter seinem Wappenschild in Sicherheit wähnen, jedoch warf das Monster ihn mit einem Feuerball zu Boden, als er mit seinem Schwert zum Schlag ansetzen wollte.


So fiel er besiegt und ohnmächtig in den Staub. Sein Talent und seine Reputation konnten der Macht des Monster nicht standhalten.


Lord Henriksen erkannte die Macht des Monsters und eine für ihn ausweglose Lage.

Noch nie habe er sich einer solchen Bestie stellen müssen.

 

Selbige nahm ihn ins Visier und stürmte mordlustig auf ihn zu. In seiner Panik wusste Henriksen sich nicht zu helfen. Da wurde der Angriff des Monsters durch einen Ansturm von Kai plötzlich beendet. Wieder aufgestanden rammte er die unachtsame Bestie zu Boden. Diese lies ihren Zorn jedoch nicht lange auf sich warten und spie einen Feuerball in Kais Richtung. Er vermochte diesen zwar mit seinem Schild abzuwehren, aber der darauffolgende Prankenhieb zerschlug das angesengte Schild und verletzte Kai erneut, sodass dieser wieder blutend zu Boden ging. Dabei wurde auch sein Mantel zerrissen und die Kapuze wich von seinem Kopf, sodass sein schmerzverzerrtes Gesicht erkenntlich wurde. Einmal mehr blieb er regungslos am Boden liegen.


Lord Henriksen war sich nun sicher, dass er der Einzige sei, der die Bestie besiegen könne. Er war jedoch kein Kämpfer und obwohl er der Bestie mit seiner Magie, Illusionen und Täuschungen zusetzen konnte, musste auch er sich den Flammen des Monsters ergeben. Und so fiel er zu Boden, seine Robe in Flammen und sein Stab zerborsten. Seine Lebenserfahrung und sein Intellekt konnten ihm im Kampf nicht die Oberhand sichern.


Alle Helden waren gefallen im Kampf gegen ein schier unbezwingbares Wesen.


Der junge Prinz lag am Boden, sich seiner Abstammung, seines Rufes und seines Talents zu sicher, konnte er nicht mit dem Monster mithalten.


Der erfahrene Magier war besiegt, hatte er sich doch zu sehr auf seine vermeintliche Bildung und seine Erfahrung verlassen, die sich im Kampf als bedeutungslos erwiesen.


Inmitten der unfreiwilligen Schlachtruhe entstieg Kai seiner Niederlage. Blutend, verbrannt aber dennoch nicht besiegt, wollte er die Bestie nicht siegen sehen. Zugleich hatte er aber auch nur sein Schwert übrig, war sein Schild doch vom Monster zerstört worden. Da ihm also keinerlei Verteidigung blieb, nahm er sich zusätzlich das Schwert von Jake und machte sich auf einen letzten Angriff gefasst.


Er war ruhig und reserviert, obwohl er seiner möglichen Niederlage und somit seinem Tod ins Auge sah. Aber er hat bei den anderen Helden vernommen, dass unnötige Emotionen im Auge des Sturms den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen können. Also blieb er entschlossen und behielt das Monster im Auge, den Frieden für sein Königreich vor sich sehend.


Beide starrten sich unentwegt an, denn keiner wollte den ersten Schritt machen und so sein Paradigma offenbaren.


Dennoch war es die Bestie, die auf Kai zustürmte, um mit ihren Klauen den letzten Helden zu Fall zu bringen. Aber auch davon lies Kai sich nicht aus seiner Trance bringen. Er warf dem Ungetüm Jakes Schwert entgegen und während dies der Klinge auswich, sprang er auf seinen Feind zu und rammte ihm sein Schwert ins Herz. Kein imposanter Kriegsschrei, keine unnötig aufgebauschte Taktik. Nein, ein simpler Stich ins Herz der Finsternis und eine Portion Mut. Mehr bedurfte es nicht, um sein Ziel zu erreichen.


Der Dämon ging besiegt zu Boden und hauchte seinen letzten Atem aus, während schwarzes Blut aus der klaffenden Wunde strömte. Kai schmiss dem sterbenden Dämon ein letztes Lächeln zu und begab sich zu seinen Gefährten. Er begann, die Wunden beider mit Kräutern und Verbänden zu behandeln. Dabei erklärte er sowohl Lord Henriksen als auch Jake, warum er obsiegte, wo sie scheiterten.


Lord Henriksen erklärte er, dass er sich zu sehr auf seine bisherigen Erfahrungen verlassen habe, obwohl er bisher noch nie einem Dämon wie diesem gegenüber stand. Er habe sein Wissen überschätzt und auch seine Idee, die anderen vorzuschicken und das Monster zu schwächen, anstatt Seite an Seite mit diesen zu kämpfen, hätte seine Niederlage besiegelt.


Lord Henriksen erkannte zwar die Wahrheit in Kais Worten, ließ sich jedoch von seinem Weg nicht abbringen und stellte sich über die Worte des Bauernjungen.


Auch Jake wollte er näherbringen, warum sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt war. Er erklärte ihm, dass Elemente wie Ruf, Prestige und Lobeshymnen ebenso redundant sind wie royale Abstammung, Ego und die Unart, alles alleine bewältigen zu wollen, sind tückische Verbündete.

Talent mag zwar ein der Weg zum Erfolg sein, jedoch müsse man diesen auch entlang gehen und nicht stehen bleiben.


Jake wandte sich ab. Die Worte nicht verstehend und als falsch abgetan, belächelte er die wirren Phrasen eines Bauernjungen, der ihn nicht wirklich zu kennen vermochte.


Kai machte des nichts aus. Ob seine Worte Gehör fanden oder wie Staub im Wind davonflogen, änderte nichts an ihrer Richtigkeit.


Henriksen und Jake schlugen vor, nach Oakwood zurückzukehren und sich gebührend für ihre Heldentat feiern zu lassen.


Kai jedoch verneinte seine Teilnahme. Er machte beiden den Vorschlag, sich für den Sieg entsprechend ihrer Vorstellung lobpreisen zu lassen, bat aber, seinen Namen aus den Erzählungen zu streichen. Sie sollten erzählen, dass er im Kampf gefallen sei. Kai selbst würde weiterziehen, entsprechend seiner Natur würde er neue Wege bestreiten und neue Herausforderungen als wandernder Bauernjunge finden.


Er nahm beide Schwerter an sich und machte sich auf den Weg. Die Frage von Henriksen und Jake, warum er ihnen den Triumph, die Belohnungen und den Sieg überließe, beantwortete er nicht.


Niemand musste seine Beweggründe erfahren. Er selbst musste sich am Ende des Tages im Spiegel ertragen und mit sich im Reinen sein können. „Sie würden ja doch nicht verstehen“, sein letzter Gedanke, mit dem er sie lächelnd ansah und von dannen zog.


...


Wie endet diese Fabel ? Ein Ende zu schreiben ist schwer. Jeder dressierte Affe kann einen Anfang schreiben. Ein bisschen „Es war einmal...“ und schön ist der Anfang fertig. Ein Ende hingegen muss alle Charaktere und Handlungen verknüpfen, damit am Ende ein Strang entsteht. Der Leser möchte am liebsten ein „Happy End“ haben, bei dem der Held das Mädchen bekommt, dem Monster den Kopf abschlägt und glücklich bis ans Ende seiner Tage lebt.

Ein gutes Ende zu schreiben ist also unmöglich, irgendjemandem wird es immer nicht gefallen.


...


Zurück im Oakwood wurden Henriksen und Jake wie Helden empfangen. Sie erzählten von einem heroischen Kampf, in dem sie das Monster mit ihrer Überlegenheit und ihren Kräften mühelos besiegten. Jake erzählte, er habe den Dämon mit seinem Schwert durch einen Stich ins Herz bezwungen und das die Klinge noch immer darin stecke, weshalb er dieses nicht bei sich trage. Sie berichteten auch vom im Kampf gefallen Bauernknaben. Keiner zweifelte an der Geschichte, könnte doch ein so schlichter Knabe keinen Kampf mit solch einem Monster überstehen, schon gar nicht eben dieses besiegen. Er musste dem Ungetüm also als letztes Opfer zu Teil geworden sein.


Inmitten dieser Erzählungen schauten Rolantek und Isabelle einander an und schmunzelten. Sie wussten genau, dass diese fabelhafte Geschichte nicht der Wahrheit entsprach und das Kai von Anfang an wusste, wie die Geschichte sich entfalten würde. Sie sahen es kommen, dass Kai nicht wiederkehren würde, also waren sie nicht traurig, auch wenn sie nicht wussten, warum er dies tat.

Beide schauten nachdenklich und verträumt zum Sternenhimmel hinauf.

„Was Kai wohl gerade macht ?“, fragten sie sich.


Kai wusste genau, wie sich alles nach dem Sieg über die Bestie abspielen würde.

Henriksen und Jake würden sich wie Helden zelebrieren lassen. Keiner würde daran zweifeln, dass er selbst im Kampf gefallen sei. Die Wahrheit musste niemand erfahren. Denn die Welt braucht Helden, die man feiern kann, die das klassische Bild des Helden in strahlender Rüstung und von königlichen Geblüt in sich vereinen. In solchen Sagen hat ein gewöhnlicher Bauernjunge keinen Platz.


Aber das störte Kai nicht. Während er durch die Abenddämmerung wanderte, wurde ihm mit einem Lächeln auf den Lippen klar, was er getan hatte. Was er erreicht hat. Er wusste, wie sich alles zugetragen hat und was er durch sein Opfer geschaffen hatte.


Und darauf kommt es doch an.


Oder nicht ?

20.7.16 15:21
 


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