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Die Sage von Oakwood #3

Gott aus einer Theatermaschine


"Vielen Dank, werter Herr. Habt einen schönen Tag."


Mit diesen Worten verabschiedete sie sich vom Markthändler. Sie hatte all ihre Einkäufe erledigt und schlenderte gedankenlos über den Markt.


Den Liedern der Barden lauschend und auf ihrem Heimweg summend, schaute sie in die Ferne ihres Heimatdorfes. Oakwood war seit jeher ihre Zuflucht. Egal, welche Reise sie unternahm oder welche Ortschaft sie besuchte, Oakwood würde immer ihr Hafen bleiben.


Sie verließ den Markt und schlug den Weg über die Felder in Richtung ihres Hauses ein. Orientierungslos blickte sie weiter gen Himmel und gab sich ihren Gedanken und Tagträumen hin.


Ihre Träume und Visionen führten sie zurück in ihre Vergangenheit. Ein Ort, den sie innerhalb der Festung ihrer Gedankenwelt oft aufsuchte. Zwar erhoffte sie sich, in ihrem Inneren das Königreich der Herzen zu finden, jedoch fand sie sich zumeist nur in der Dystopie ihres Geistes wieder.


Wenn sie diesen kargen Ort betrat, fand sie sich meist in ihrer Kindheit wieder. Ein Heim, aber kein Zuhause. Eine Behausung, aber kein Refugium. Viele starrende Gesichter, aber kaum eine helfende Hand.


Ein trauriger Blick entstellte das verträumte Antlitz. Zugleich begann es, zu regnen. Sie bemerkte nicht, dass sich ihr ein Mann näherte. Beide passten nicht auf und liefen ineinander. Dabei fiel sie zu Boden und wachte aus ihrer traumhaften Hibernation auf.


"Verzeih, mein Kind. Ich war mit den Gedanken woanders", sprach eine sanfte, in die Jahre gekommene Stimme.

"Komm, ich helfe dir auf", sagte er und reichte ihr die Hand. Sie zögerte zunächst, war ihr Vertrauen anderen Menschen gegenüber vergleichbar mit einem dünnen Faden, der jederzeit reißen konnte.


Zögerlich nahm sie seine Hand und stand auf. Sie musterte ihn und sah einen älteren Herren mit einem gutmütigen Gesichtsausdruck und einem weisen Blick.


„Geht es dir gut, Mädchen?“, fragte er mit Freundlichkeit in seiner Stimme. Sie aber erwiderte nichts auf seine Frage. Er bemerkte gleich, dass etwas nicht stimmte, sie sich abweisend und zurückhaltend zeigte. Er lächelte, entschuldigte sich abermals und wollte wieder seines Weges gehen.


Er blieb noch einen kurzen Moment und versicherte ihr, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, der Regen würde bald vorüberziehen und der rechte Weg zu dem Ort, den sie so frenetisch suchte, würde sich offenbaren. Dabei deutete er auf ihren Kopf und auf ihr Herz und lächelte ihr zu. Als er ging, fragte das Mädchen, wie er heiße. Er drehte sich um und sagte ihr, dass man ihn in Oakwood als Rolantek kenne. Dann verschwand er in Richtung des Dorfes.


Diese Begegnung würde noch viele Stunden in den Hallen ihres Verstandes nachklingen. Welche Bedeutung mögen seine Worten wohl haben und woher wisse er von dem Ansturm auf die Bastion ihres inneren Zirkels ?


Diese Fragen beschäftigten sie eine geraume Zeitspanne lang. Lange genug, damit sie unbemerkt vom Weg abkommen und sich im dunklen Wald verirren konnte.

Ein schauriger Ort. Die Bäume so dicht, dass kein Sonnenlicht durch die Kronen hindurch scheinen konnte. Selbst die sanften Tiere des Waldes scheuten diesen Ort, wohl wissend, dass hier nur der Tod durch die natürliche Hierarchie des Lebens, gefressen oder gefressen werden, auf sie warten würde. Ein Ort, an dem Träume stürben und Hoffnungen scheitern.


Aus ihrer Traumwelt erweckt durch eine die Dunkelheit durchdringendes Heulen, sah sie sich um und bemerkte, dass sie sich im Aokigahara-Wald befand.


Ihr Kopf begann zu schmerzen, ihr Magen schien sich förmlich zu drehen. Die Angst brach auf sie herein. Der Damm, der diese Panik wie eine Flut jahrelang zurückhielt, zerbarst unter dem Druck der Furcht.


Das alles penetrierende Heulen wurde immer lauter. In der Ferne des Waldes konnte sie ein Rudel schwarzer Hunde erkennen, welche die Zähne fletschten und ihre Fährte aufnahmen.


Auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein klarer Ausdruck ab. Ein blasser Schimmer, der Moment, wenn die Hoffnung auf Überleben der Realität des imminenten Ablebens weicht.


Für einen Moment war sie sich nicht sicher. Sollte sie überhaupt weglaufen ? Ein gewöhnlicher Mensch könnte den reißerischen Klauen des schwarzen Hundes nie entkommen, warum also den Versuch wagen ? Zunächst blieb sie also stehen und wollte ihrem terminalen Schicksal in die verzerrte Fratze starren.


Jedoch wandelte sich die apathische Hinnahme ihres Todes in den Mut der Verzweiflung, als sie begann, vor den schwarzen Hunden zu fliehen. Warum wusste sie nicht. Sie hatte die Hoffnung schon begraben, den Morgen zu erleben, einen weiteren Tag vergönnt zu bekommen. Was sollte sie noch aus dieser misslichen Lage retten können ?


Eine Verfolgungsjagd durch den Wald begann. Woher sie die Kräfte nahm, um sich durch einen trostlosen, desolaten und vor Tod triefenden Schandfleck wie diesen zu treiben, konnte sie sich nicht erklären. Irgendwie schien sie selbst in dieser aussichtslosen Lage am Leben festzuhalten.


Nach einer kurzen, jedoch rasanten Verfolgungsjagd trieben die Hunde sie in die Enge. Eine hohe Felsmauer, kein Ausweg und keine Möglichkeit zu entkommen. Vor ihr lag nur das nun unvermeidliche Ende, die eisige Umarmung des Todes.


Während die schwarzen Hunde immer näher rückten, versickerte sogleich der letzte Rest Hoffnung, welchen sie sich während der Flucht zu bewahren versuchte, in Form von Tränen im fruchtlosen, brachen Erdboden des Waldes.


Just in dem Moment, als einer der schwarzen Hunde zum Sprung ansetzte, sprang ein junger Mann aus dem Dickicht des Waldes und warf sich schützend vor das weinende Mädchen. Er wehrte den Hund mit seinem Holzschild ab und schreckte das Rudel mit einer hell leuchtenden Fackel zurück. Er gab ihr die Fackel und sagte ihr, dass sie sich entweder verteidige oder beide hier und jetzt ihren letzten Atem aushauchen würden.


Natürlich konnten sie die schwarzen Hunde nicht töten, aber es gelang ihnen, diese in die Flucht zu schlagen. Nach dem Kampf nahmen sich beide Zeit, sich zu justieren. Sie bedankte sich bei ihm dafür, ihr aus ihrer misslichen Lage geholfen zu haben. Er nahm dies schweigend hin.


Er begleitete sie durch den Wald, ein Gang, welcher mit Fackel und Gesellschaft nicht mehr gänzlich unerträglich war. Während sie den Wald Richtung Ausgang durchschritten, erlag sie ihrer Neugier und fragte, woher er wusste, dass sie im Aokigahara-Wald umherwanderte und er gerade im richtigen Moment erschien, um ihr zu helfen.


Während er allzeit die Umgebung im Auge behielt, für den Fall, dass weitere Gefahren im Unterholz lauerten, antwortete er, dass es üblich sei, dass der Wald der Hoffnungslosigkeit die Hoffnungslosen anziehe, wie das Licht die Motten. Und wenn er schätzen müsste, sei es in ihrem Fall nicht anders als bei den vielen verloren Seelen zuvor, welche sich im Wald wiederfanden, nur um diesen nicht mehr verlassen zu dürfen.


Ein trauriger Blick drängte sich ihrem Gesicht auf, hatten seine Worte wie ein Pfeil mitten ins Schwarze getroffen. Er drehte sich zu ihr um, zog die Kapuze zurück und sagte lächelnd, dass er sich aber auch irren könne. Er kannte sie ja nicht und vielleicht sei seine These nur das wirre Geschwätz eines Bauernjungen, der zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort erschien, frei von Absicht oder Schicksal. Deus ex machina, wie er es nannte.


Seine Antworten verschafften ihr keine Klarheit. Sie wollte sich wieder in ihren Gedanken vergraben, um nach Antworten zu suchen, warum sie in diesem verdammten Wald landete und warum er zufällig erschien, um ihr zu helfen.


„Nein, versuch es erst gar nicht“, sagte er, als würde er wissen, was in ihrem Kopf vorgehe. Das verwirrte sie nur noch mehr. Diese Irritation sah man ihr an, was ihn zum Schmunzeln brachte.


Als sie den Ausgang des Waldes erreichten, fragte er, ob sie es von hier an alleine schaffe. Sie erwiderte, dass es wohl gehen müsse und machte sich auf den Weg in Richtung ihrer Behausung.


Während sie von dannen schritt, bat er sie, stehen zu bleiben und ihm zuzuhören.


Sie drehte sich um und fragte, was denn sei. Er schaute ihr in die Augen und sagte mit beruhigender Stimme, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, denn der Regen würde schon bald vorbeigezogen sein und der richtige Weg zu dem Ort, den sie so fieberhaft suche, würde sich alsbald vor ihr entfalten. Sie erinnerte sich an diese Worte und sah den selben Ausdruck in seinem Gesicht wie sie ihn zuvor schon gesehen hat.


Zuletzt fragte er sie nach ihrem Namen, den sie ihm bisher nicht genannt hatte.


„Ich heiße Isabelle“, sagte sie mit ausgeglichener Stimme.

„Und du ? Wie darf ich dich nennen ?“, fragte sie, wenn auch nur zögerlich.


„Kai. Sie nennen mich Kai.“, antwortete er, während er sich auf seinen Weg zurück in den Wald machte.


20.7.16 15:33
 


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